Maria Schlueter

Okt 282019
 

Die deutsch-polnische Wanderausstellung „Im Fluss der Zeit. Jüdisches Leben an der Oder“ möchte zum Nachdenken und zum Gespräch zwischen den ehemaligen und heutigen Bewohnern der Region anregen und zur Neuentdeckung des deutsch-polnisch-jüdischen Kulturerbes dieser Landschaft einladen.

Die Landschaft an der Oder mit ihren wechselnden herrschaftlichen und nationalen Zugehörigkeiten war über Jahrhunderte hinweg ein Begegnungsraum. Hier kamen auch die deutsch-jüdische und die polnisch-jüdische Kultur zusammen. In der Neuzeit bedrohte der Nationalismus, gepaart mit dem Antisemitismus, diese kulturelle Vielfalt. Der Nationalsozialismus zerstörte sie.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden weite Abschnitte der Oder zur deutsch-polnischen Grenze und die deutsche Bevölkerung aus den Regionen östlich der Grenze zur Flucht gezwungen oder vertrieben. Polen fanden hier eine neue Heimat und für kurze Zeit schien es, dass in Niederschlesien und Pommern jüdisches Leben heimisch werden könnte. Mehrere Zehntausend polnisch-jüdische Holocaustüberlebende siedelten sich hier an. Doch die meisten wanderten bis Ende der 1960er Jahre wieder aus. Die jahrhundertelange Anwesenheit von Juden an der Oder fiel dem Vergessen anheim, ihre Spuren wurden oft zerstört.

Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie hier.

Gedenkveranstaltungen zum 81. Jahrestag der Reichsprogromnacht.

Gedenkveranstaltungen zum 81. Jahrestag der Reichspogromnacht.

9. November 2019, 15 Uhr
Ausstellungseröffnung
Gräfin-Dönhoff-Gebäude der Europa-Universität Viadrina (Europaplatz 1)

Begrüßung: Prof. Dr. Julia von Blumenthal, Präsidentin der Europa Universität Viadrina.
Einführung durch die Kuratorinnen Dr. Magdalena Abraham-Diefenbach und Dr. Magdalena Gebala

Die Eröffnung ist Teil der Gedenkveranstaltungen zum 81. Jahrestag der Reichspogromnacht. Um 16 Uhr findet u.d.T. „Überschriebenes Gedächtnis? Die Reichspogromnacht im Spiegel kultureller Erinnerungen“ (Logenhaus) eine wissenschaftlich-kulturelle Veranstaltung statt. Im Anschluss Ansprache und Andacht am Synagogen-Gedenkstein (Brunnenplatz 18.30 Uhr).

Begleitprogramm

13. November 2019, 18 Uhr

Der letzte jiddischsprachige Film aus Polen: "Unsere Kinder". Foto: National Center for Jewish Film, New York

Der letzte jiddischsprachige Film aus Polen: „Unsere Kinder“. Foto: National Center for Jewish Film, New York

Gräfin-Dönhoff-Gebäude, Hs 8
„Unsere Kinder“ – Zeitweilige Heimat. Jüdisches Leben in Schlesien nach 1945
Filmvorführung mit einer Einführung von Dr. Markus Nesselrodt (in deutscher und polnischer Sprache)

„Unsere Kinder“ war der letzte jiddischsprachige Film, der in Polen gedreht wurde. Der Film beschreibt die Begegnung einer Gruppe jüdischer Waisenkinder mit zwei jüdischen Komikern, die soeben aus dem sowjetischen Kriegsexil nach Polen zurückgekehrt sind. Die Komiker wollen das Kinderheim eigentlich besuchen, um die traumatisierten überlebenden Kinder aufzuheitern. Bald jedoch sind es die Kinder, die den Erwachsenen ihre Geschichten erzählen und ihnen den Weg in die Zukunft des jüdischen Volkes nach dem Holocaust aufzeigen.

Filmtitel: Unsere Kinder (jidd. Unzere Kinder), Regie: Natan Gross, Produktionsland: Polen, Produktionsjahr: 1948, Sprache: Jiddisch mit englischen Untertiteln, Dauer: 68 Minuten
Film Restoration by The National Center for Jewish Film, www.jewishfilm.org

27. November 2019, 18 Uhr

Erinnerungstafel für Konrad Wachsmann in Frankfurt (Oder). Foto: J.-H. Janßen, Wikipedia

Erinnerungstafel für Konrad Wachsmann in Frankfurt (Oder). Foto: J.-H. Janßen, Wikipedia

Gräfin-Dönhoff-Gebäude, Hs 8
Wachsmanns Entwürfe. Von der Idee zur Konstruktion
Dr. Eva-Maria Barkhofen, Akademie der Künste, Berlin
Moderation: Prof. Dr. Paul Zalewski

Der Architekt Konrad Wachsmann machte sich international einen Namen als Pionier des industriellen Bauens und als Entwickler von Fertighaussystemen. Er ist in Frankfurt (Oder) geboren und aufgewachsen.
Wie verlief Wachsmanns Entwicklung, die sein Denken und seine Herangehensweise an seine Bauaufgaben maßgeblich bestimmte? Wie plante er, entwarf er und setzte er Projekte um? War er ein Tüftler, Bastler oder ein über sein Leben hinaus wirkender Idealist? Auf all diese Fragen kann das Konrad-Wachsmann-Archiv, das im Baukunstarchiv der Akademie der Künste in Berlin bewahrt wird, Antworten geben. Dr. Eva-Maria Barkhofen, Leiterin des Baukunstarchivs, gibt Einblicke in das Leben und Wirken Wachsmanns und wird vor allem seine Persönlichkeit beleuchten.

4. Dezember 2019, 18 Uhr

Wir Mendes: eine jüdische Familie aus Frankfurt (Oder). Foto: Katja Martin

Wir Mendes: eine jüdische Familie aus Frankfurt (Oder). Foto: Katja Martin

Gräfin-Dönhoff-Gebäude, Hs 8
„Wir Mendes“ Käthe Mende, Max Bamberger. Geschichte und Geschichten einer jüdischen Familie aus Frankfurt (Oder)
Katja Martin, Vorstellung eines Buchprojektes mit einer Einführung in die Geschichte der Juden in Frankfurt (Oder) von Dr. Markus Nesselrodt
Moderation: Dr. Magdalena Abraham-Diefenbach

Frankfurt (Oder) verfügte einst über blühendes jüdisches Leben. Es gab jüdische Geschäfte, ein jüdisches Waisen- und Krankenhaus, Synagogen und Mikwen sowie einen großen jüdischen Friedhof. Die Familie Mende steht symbolisch für die Zeit des liberalen jüdischen Bürgertums an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Die Zeugnisse von Max Bamberger und Käthe Mende erfassen die Zeit seit dem 17. Jahrhundert über die spannende Zeit der Industrialisierung und die Wirren des Ersten Weltkrieges bis hin zur Shoah, dem Ende des deutsch-jüdischen Lebens in Deutschland. Nicht zuletzt stellen die Memoiren einen wichtigen Beitrag zur Frankfurter Stadtgeschichte dar, die – versehen mit vielen Anekdoten – überdies äußerst unterhaltsam sind.

Spuren jüdischen Lebens an der Oder. Foto: Adam Czerneńko

Spuren jüdischen Lebens an der Oder. Foto: Adam Czerneńko

11. Dezember, 18 Uhr
Gräfin-Dönhoff-Gebäude,
Hs 8
Auf den Spuren des jüdischen Lebens in der Oderregion heute
Reisebericht und Bildvortrag von Adam Czerneńko (in deutscher und polnischer Sprache)

Im Zuge der Arbeit an der Ausstellung „Im Fluss der Zeit. Jüdisches Leben an der Oder“ bereiste Adam Czerneńko 2017 die gesamte Oderregion – von Oppeln bis nach Stettin – auf der Suche nach materiellen Spuren jüdischer Anwesenheit. Er suchte vergessene Friedhöfe in den Wäldern, fotografierte alte Synagogen und Bahnhöfe, von denen Juden abtransportiert wurden. Er dokumentierte aber auch Orte des heutigen jüdischen Lebens und der Erinnerung an die jüdische Vergangenheit – wie Synagogensteine und Gedenktafeln. Im Rahmen der Veranstaltung zeigt er uns einen Teil dieser Fotos und erzählt von seinen Entdeckungen und Erfahrungen.

Förderer und Partner

Die Ausstellung entstand im Rahmen eines Projektes des Deutschen Kulturforums östliches Europa in Potsdam, unterstützt durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Die Ausstellung wird in Frankfurt (Oder) eröffnet und gezeigt dank der Finanzierung durch die Kulturreferentin für Pommern und Ostbrandenburg aus den Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Das Begleitprogramm ist ein Projekt des Instituts für angewandte Geschichte – Gesellschaft und Wissenschaft im Dialog e.V. in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Denkmalkunde sowie dem Lehrstuhl für Kultur und Geschichte Mittel- und Osteuropas der Europa-Universität Viadrina. Das Projekt wird aus Mitteln der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung finanziert.

»» Im Fluss der Zeit. Jüdisches Leben an der Oder

Jun 202019
 

Eine digitale Spurensuche

Große Teile des ehemaligen NS-Konzentrationslagers Ravensbrück gehören heute nicht zum Areal der Gedenkstätte. Über die vergessenen und teils zerstörten Gebäude und Orte des Gedenkstättenumfelds informiert die Webseite unbekanntes-ravensbrueck.de.

Ein „unbekannter Ort“, der auf der Webseite vorgestellt wird, ist der Bauhof der SS-Bauleitung Ravensbrück. Foto: Christoph Löffler

Ein „unbekannter Ort“, der auf der Webseite vorgestellt wird, ist der Bauhof der SS-Bauleitung Ravensbrück. Foto: Christoph Löffler

Das Areal des ehemaligen Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück erstreckte sich bei dessen Auflösung im April 1945 über mehr als 200 Hektar. Der Bereich der heutigen Gedenkstätte und des zugänglichen Areals bildete jedoch nur einen Teil dieses KZ-Komplexes. In der Umgebung der Gedenkstätte befindet sich daher eine Vielzahl von Orten und Gebäuden, die zum Lagerkomplex gehörten, heute jedoch nahezu unbekannt oder unzugänglich sind. Zumeist handelte es sich um Funktions- und Verwaltungsgebäude, die sowohl für das Funktionieren des KZ-Komplexes als auch als Arbeitsort für die Häftlinge von großer Bedeutung waren.

Drohnen-Aufnahme der ehemaligen Kläranlage, Foto: Christoph Löffler, Berlin

Drohnen-Aufnahme der ehemaligen Kläranlage, Foto: Christoph Löffler, Berlin

Die unterschiedlichen Orte und Gebäude befinden sich heute im Eigentum des Landes Brandenburg oder in Privateigentum und stehen teilweise unter Denkmalschutz. Sie sind für Einwohner*innen, Tourist*innen und die Besucher*innen der Gedenkstätte (mal mehr mal weniger) sichtbar, jedoch aufgrund fehlender Informationen, Überformung, Überbauung oder Verfall nicht lesbar.

Das Projekt ging von der Frage aus, ob und wie diese Bereiche, die nicht den Kern der Gedenkstättenarbeit bilden (bzw. gar nicht zu deren Areal gehören), in den Blick genommen werden können. In Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Ravensbrück entstand daraufhin zwischen März und August 2019 die Website unbekanntes-ravensbrueck.de , die in einer Art digitalem Rundgang über elf dieser unbekannten Orte informiert.

Screenshot der Webseite unbekanntes-ravensbrueck.de

Screenshot der Webseite unbekanntes-ravensbrueck.de

 

Neben kurzen Informationstexten machen historisches Bildmaterial und aktuelle Fotos sowie Audio-Spuren von Häftlingsberichten die teils unzugänglichen oder überbauten Orte virtuell erlebbar und betretbar – sowohl in ihrer historischen als auch heutigen Gestalt. Die Website unbekanntes-ravensbrueck.de kann von Interessierten und Gedenkstättenbesucher*innen als digitales Zusatzangebot genutzt werden, ist aber ebenso vor Ort über Tablet oder Smartphone als digitaler Guide nutzbar.

Gleichzeitig soll die Website ein größeres öffentliches Bewusstsein für diese Orte und Gebäude schaffen. Sie kann damit auch ein Ausgangspunkt für weitere Diskussionen zum Umgang, zur Erhaltung und Nutzung dieser Orte sein.

 

 

 

Fotos vom Launch der Webseite in der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück am 9. August 2019.

 

Projektverantwortliche: Kristin Witte, k.witte@instytut.net

Projektdauer: 14. März – 31. August 2019

Ein Projekt des Institut für angewandte Geschichte – Gesellschaft und Wissenschaft im Dialog e.V. in Kooperation mit dem Studiengang Schutz europäischer Kulturgüter der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und der Gedenkstätte Ravensbrück.

Gefördert mit Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg und der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

»» Unbekannte Orte. Ravensbrück

Feb 262019
 

Deutsche Schreibschrift für polnische ArchivnutzerInnen


Wer sich in polnischen Archiven auf Spurensuche zur Zeit vor 1945 macht, stößt oft auf sie: die alte deutsche Schreibschrift. Für polnischsprachige ArchivnutzerInnen gab es, anders als für deutschsprachige, bisher keine Hilfsmittel zur Entzifferung. Diesen Missstand hat das Projekt nun beseitigt. Allen historisch Interessierten in Polen stehen nun endlich auch Lehr- und Übungsmaterialien in polnischer Sprache zur Verfügung.

Die polnische Ausgabe des Lehrbuchs von Harald Süß.

Die polnische Ausgabe des Lehrbuchs von Harald Süß.

Das Projekt hat zum Ziel, die in Vergessenheit geratene Fähigkeit, die alte deutsche Schrift zu lesen, polnischen ForscherInnen, WissenschaftlerInnen, Studierenden und anderen interessierten Personen beizubringen. Dazu wurden polnischsprachige Lehr- und Übungsmaterialien publiziert. Durch sie wird der Zugang zur Lokal- und Regionalgeschichte ebenso erleichtert wie der zur deutschen Kultur. Dadurch wird ein wichtiger Beitrag zu einem besseren Verständnis der komplexen deutsch-polnischen Vergangenheit und zur Völkerverständigung geleistet.

Dieses Projekt versteht sich als Fortsetzung des von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien finanzierten und erfolgreich an der Europa-Universität Viadrina (Professur für Denkmalkunde) abgeschlossenen Projektes „Das Unlesbare lesen lernen – deutsche Schreibschrift für polnische Archivnutzer“. In diesem Rahmen wurde das Werk von Harald Süß „Deutsche Schreibschrift. Lesen und Schreiben lernen“ ins Polnische übersetzt.

Übungsheft in polnischer Sprache zum Erlernen der deutschen Kurrentschrift.

Übungsheft in polnischer Sprache zum Erlernen der deutschen Kurrentschrift.

 

Darüber hinaus wurde ein polnischsprachiges Übungsheft zum Lesen und Schreiben der deutschen Kurrentschrift konzipiert. Anhand von Reproduktionen originaler Archivmaterialien aus dem Bestand des Staatarchivs in Poznań bietet das Heft authentische Beispiele der deutschen Kurrentschrift zur Übung. Die 25 Schriftproben umfassen ein Jahrhundert (1835–1934). Dieses Übungsheft stellt eine wichtige Ergänzung zu dem übersetzten Buch von Harald Süß dar. Durch das Folgeprojekt wurde die Publikation sowohl des übersetzten Lehrbuchs als auch des Übungsheftes ermöglicht.

Besuchen Sie die Webseite des Projektes: dawnepismo.com

Das Projekt wurde vom Institut für angewandte Geschichte in Frankfurt (Oder) – Gesellschaft und Wissenschaft im Dialog e.V. in Zusammenarbeit mit Europa-Universität Viadrina (Professur für Denkmalkunde) in Frankfurt (Oder) und mit dem Staatsarchiv in Poznań, Polen, durchgeführt. Als Verleger fungiert die polnische Stiftung Dobro Kultury, die den Vertrieb und den Verkauf der beiden Publikationen übernimmt.

Projektverantwortliche: PD Dr. habil. Izabella Parowicz i.parowicz@instytut.net

Projektlaufzeit: September 2017 – Februar 2019

Förderer:
Sanddorf-Stiftung

 

»» Das Unlesbare lesen lernen

Okt 152018
 
Schatzmeister

Kontakt c.hoernlein[at]instytut.net

Projektkoordinationen
Paul Göhre und Frankfurt an der Oder um 1900

Christian Hörnlein hat an der Universität Bielefeld Geschichte und Philosophie studiert. Während des Studiums hat er sich in der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bielefeld engagiert und deutsch-polnische Jugendbegegnungen und Gedenkstättenfahrten organisiert. Während eines viermonatigen Praktikums in Lublin (Polen) arbeitete er 2008 für eine NGO im Bereich deutsch-polnischer Jugendbegegnungen. Anschließend war er Akademischer Mitarbeiter an der Europa-Universität Viadrina. 2016 wurde er dort mit einer Arbeit zur Sozialdemokratie im Wilhelminischen Kaiserreich promoviert. Im Institut ist er seit 2010 aktiv und hat im Vorstand bereit einmal von 2010 bis 2013 mitgearbeitet, seit 2018 ist er erneut Vorstandsmitglied (Schatzmeister).

»» Christian Hörnlein

Apr 272018
 

Interviewreihe mit den Staatssekretär*innen der letzten DDR-Regierung

12. April 1990: Die an der neuen DDR-Regierung beteiligten Parteien unterzeichnen Koalitionsvereinbarung. v.l.n.r.: Rainer Eppelmann, Markus Meckel, Lothar de Maiziere, Hans-Wilhelm Ebeling und Prof. Dr. Rainer Ortleb. (Foto: Klaus Oberst)

12. April 1990: Die an der neuen DDR-Regierung beteiligten Parteien unterzeichnen Koalitionsvereinbarung. v.l.n.r.: Rainer Eppelmann, Markus Meckel, Lothar de Maiziere, Hans-Wilhelm Ebeling und Prof. Dr. Rainer Ortleb. (Foto: Klaus Oberst)

Im März 1990 fanden nach über 40 Jahren in der DDR erstmals freie Wahlen statt, aus der die letzte DDR-Regierung unter Ministerpräsident Lothar de Maizière hervorging. Diese Regierung bereitete in nur sechs Monaten die Vereinigung beider deutscher Staaten vor, vollzog sie – und schaffte sich damit selbst wieder ab. Doch über das Wirken der Regierung de Maizière ist bis heute vergleichsweise wenig bekannt.

Insbesondere die Tätigkeit ihrer Staatssekretär*innen – die in der „zweiten Reihe“ oft abseits der öffentlichen Wahrnehmung agierten, jedoch den deutsch-deutschen Einigungsprozess durch ihre Arbeit maßgeblich prägten – ist bisher wenig erforscht und aufgearbeitet. Im Rahmen einer Interviewreihe sollen die Erinnerungen und Erfahrungen dieser Personengruppe für die künftige wissenschaftliche Forschung gesichert und für die historisch-politische Bildungsarbeit zugänglich gemacht werden.

Interview mit einem Zeitzeugen. Foto: Andreas Gruner

Interview mit einem Zeitzeugen. Foto: Andreas Gruner

Wer waren diese Menschen, die die Demokratisierung der DDR aktiv gestalteten? Wie setzten sie die revolutionären Forderungen und Ideen aus dem Herbst 1989 in staatliche Reformen und politische Prozesse um? In der besonders schwierigen und instabilen Zeit des Umbruchs 1990 hatten die Staatssekretär*innen als demokratisch legitimierte Mandatsträger Verantwortung übernommen. Als Akteure des politischen Neubeginns für Demokratie und die Einheit Deutschlands gaben sie diesem Prozess maßgebliche Gestalt – insbesondere in ihrer Funktion als verantwortliche Verhandlungspartner*innen bei den Staatsverträgen zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion sowie zur Herstellung der staatlichen Einheit Deutschlands.

Der ehemalige Verteidigungs- und Innenminister Thomas de Maizière im Interview. Als westlicher Berater unterstützte er 1990 die Regierungsarbeit seines Vetters Lothar de Maizière. Foto: Andreas Gruner

Der ehemalige Verteidigungs- und Innenminister Thomas de Maizière im Interview. Als westlicher Berater unterstützte er 1990 die Regierungsarbeit seines Vetters Lothar de Maizière. Foto: Andreas Gruner

Über das Zustandekommen nicht nur der großen Staatsverträge können die Staatssekretär*innen interessante und zum Teil kaum bekannt gewordene Aspekte oder Details liefern. Dessen ungeachtet haben die Staatssekretär*innen der Regierung de Maizière jedoch kaum autobiographische Zeugnisse hinterlassen. Deshalb sollen ihre Erfahrungen im Rahmen einer Interviewreihe als wichtige Zeitzeugnisse aufgezeichnet werden. Ihre Erinnerungen werden zudem durch die Perspektive einiger bundesdeutscher Verhandlungspartner*innen erweitert und ergänzt.

Ziel des Projektes ist die Dokumentation und Sicherung wichtiger Zeitzeugnisse. Neben den vollständigen Interviewtranskripten entstehen kurze Videoclips, die die Zeitzeug*innen und verschiedene Aspekte des Einigungsprozesses und Problemlagen der damaligen Zeit vorstellen. Videomaterial und Transkripte werden im Anschluss einem Archiv übergeben, so dass das Material öffentlich zugänglich ist und von verschiedenen Nutzern in Forschung, Medien und politischer Bildungsarbeit verwendet werden kann. Die Videoclips werden auf der Seite Aufbruch und Einheit – Die letzte DDR-Regierung. veröffentlicht. Zudem ist eine Präsentation der Projektergebnisse im Sommer 2019 geplant.

Projektlaufzeit: März 2018 bis Juni 2019

Projektverantwortliche:
Fanny Heidenreich, f.heidenreich@instytut.net
Maria Schlüter, m.schlueter@instytut.net

Förderer: Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

 

 

»» Von der Revolution zum Regieren

Jun 272017
 

Der Verein Oderläufe lässt GrenzlandbewohnerInnen erzählen

Eine Gruppe von Filmschaffenden macht Lebensgeschichten aus der Oderregion im Internet zugänglich. Die Methode wird für Jugendliche weiterentwickelt, die Interviews führen und Videoclips produzieren.

Die Interviewmagazine des Vereins Oderläufe fangen die Lebenswirklichkeiten der BewohnerInnen des Grenzlandes ein. Eine deutsch-polnische Familie erzählte von polnischer Gastfreundschaft und deutschem Schulsystem.

Die Interviewmagazine des Vereins Oderläufe fangen die Lebenswirklichkeiten der BewohnerInnen des Grenzlandes ein. Eine deutsch-polnische Familie erzählte von polnischer Gastfreundschaft und deutschem Schulsystem.

„Eigentlich lerne ich immer und überall Leute kennen“, sagt der Theater- und Filmregisseur Tobias Lenel. Als er 1998 in Kuhbrücke in die Nähe des Grenzübergangs bei Kostrzyn (Küstrin) ein Wochenendhaus kauft, will er zunächst einen Dokumentarfilm über den „spannenden Mikrokosmos Grenzregion“ machen. Dabei lernt er Gleichgesinnte kennen, Film- und MedienstudentInnen aus Berlin, die mit ihm das „thematische Interviewmagazin“ Oder-Kanal / Kanał Odry online herausbringen. In 10- bis 15-minütigen Videosequenzen erzählen Menschen beidseits der Oder von sich und ihren Erinnerungen an Grenze und Fluss. Tobias Lenel versucht mit seinen Aufnahmen „beim Reden, Denken, Erinnern auch das Lebensumfeld des Interviewten sichtbar zu machen.“

Der erste Clip zeigt eine Grenzlandfamilie beim Angeln in der Oder. Deutscher Vater, polnische Mutter und ihr Sohn grüßen den vorbeifahrenden Schiffer und erzählen über ihren Alltag, polnische Gastfreundschaft, deutsches Schulsystem und die Großväter, die beide aus den Masuren stammen. In Czechów (Zechow) erzählt ein polnischer Kleinbauer, wie sein Vater vom polnischen Staat als Kriegsverdienst den Hof des reichen deutschen Vorbesitzers bekam, der, so erzählen die Leute, 1945 von den Russen erschossen wurde. „Mein Vater war kein Schurke“, betont er immer wieder: „Als er hierher kam, hatten die schon alles geplündert.“ Musiker Tobias Morgenstern und Fernseh-Schauspieler Thomas Rühmann gründen ein Theater am Rand in ihrem Wohnzimmer, bis der Platz für die vielen Besucher nicht mehr reicht. Heute spielen sie auf den Oderwiesen hinterm Haus. So wird Stück für Stück in 25 Geschichten das Leben an der Oder erzählt. Oder-Kanal / Kanał Odry kooperierte mit lokalen Medien. Wöchentlich wurden die Video-Clips auf den Internetseiten von Berliner Zeitung, Märkische Oderzeitung und Gazeta Lubuska zwischen Oktober 2012 und Februar 2013 veröffentlicht.

Der Vater dieses Kleinbauern hatte den Hof des ehemaligen deutschen Eigentümers vom polnischen Staat als Kriegsverdienst bekommen. Die Gespräche zeigen die wechselhafte Geschichte der Region.

Der Vater dieses Kleinbauern hatte den Hof des ehemaligen deutschen Eigentümers vom polnischen Staat als Kriegsverdienst bekommen. Die Gespräche zeigen die wechselhafte Geschichte der Region.

2013 gründeten die Filmschaffenden dann Oderläufe e.V. mit dem Wunsch, Lebensgeschichten filmisch zu dokumentieren und auch selbst Förderung dafür zu beantragen. Besonders wichtig war den MacherInnen, Erzähltalente aus allen Schichten zu zeigen, die den Alltag beidseits der Grenze lebendig machten und die sie an Originalschauplätzen in Brandenburg und Westpolen in Szene setzten, egal ob Eisenbahnerin, Angler oder Pastor. Insgesamt hat der Verein bis heute vier Interviewmagazine online veröffentlicht. 2014 griff „Jenseits der Oder. Erzählte Geschichte DDR-Polen 1949-1990“ die Beziehung der DDR-Bevölkerung zu den polnischen Nachbarn auf. Darin erzählt der Elektromechaniker Joachim Beyer vom stillen, aber gut organisierten Warentausch deutscher und polnischer EisenbahnerInnen an der Güterstrecke Kietz-Kostrzyn: „Weihnachten war immer sehr viel Betrieb hier. Na, in Polen gab es Weihnachtsbaumbeleuchtung, elektrische, alle Sorten und Farben! So was gab’s doch bei uns nicht!“

Auch Jugendliche machten bei den Interviewprojekten mit. 2014 interviewten sie ZeitzeugInnen zu Krieg und Vertreibung in der Grenzregion.

Auch Jugendliche machten bei den Interviewprojekten mit. 2014 interviewten sie ZeitzeugInnen zu Krieg und Vertreibung in der Grenzregion.

Das Material mit Jugendlichen zu bearbeiten war der zweite Schritt des Vereins. Das Interview- und Ausstellungsprojekt OdraOderOdra über Krieg und Vertreibung in der Grenzregion 2014 war eine Kombination aus Filmdreh, Jugendaustausch und Zeitzeugenbegegnung für deutsche, polnische und tschechische Jugendliche. Im selben Jahr stellten Jugendliche im Magazin Oderpaare KollegInnen, Brüder, Freunde und EhepartnerInnen an der Grenze vor. Bei dem leicht zugänglichen Thema lernten die Jugendlichen Interviewtechniken, Kameraführung, Schnitt- und Tontechnik. In einem Film wird ein deutsch-polnisches Bäckerehepaar gezeigt, das sich 1990 kennenlernte und das erste Rendezvous noch mit Wörterbuch absolvierte. Zu sehen ist auch die Drohung der Schwiegermutter an ihren deutschen Schwiegersohn: „Ich werde auf meine alten Tage nicht mehr Deutsch lernen. Wenn du dich also mit mir unterhalten willst, lern Polnisch!“ Die SchülerInnen arbeiteten in kleinen Teams und wurden auch in die inhaltliche Vorbereitung der Gespräche eingebunden. So waren sie bei den Interviews mehr als nur passive ZuschauerInnen – eine Rolle, auf die sich die Jugendlichen beim ersten Jugendfilmprojekt OdraOderOdra oft zurückgezogen hatten, erinnert sich Historikerin Ewelina Wanke.

Tobias Lenel ist nach wie vor begeistert von den Lebensgeschichten im Grenzland. Ewelina Wanke möchte die Interviews, die bereits im Netz stehen, zu „Bildungsbausteinen“ mit Arbeitskarten und Hintergrundmaterial aufbereiten. Viele der LehrerInnen im Projektnetzwerk nutzen die Interview-Magazine regelmäßig, aber der Anreiz ist ungleich geringer, wenn man nicht selbst beteiligt war. Das nächste gemeinsame Projekt von FilmemacherInnen und PädagogInnen beschäftigt sich mit dem Übergang vom Kommunismus zum Kapitalismus in der Grenzregion anhand von Mikrokosmen, wie dem Bahnhof und Grenzübergang Kietz-Kostrzyn.

seit 2013 in Kietz-Kostrzyn
Gespräch mit Tobias Lenel und Ewelina Wanke
Träger Oderläufe e.V.
Projektförderung Euroregion Pro Europa Viadrina, Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, EFRE-Fonds, Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und weitere

 

Infos im Netz
Homepage von Oderläufe e.V.: www.oderlaeufe.de
Interviewmagazine: www.oder-kanal.de, www.jenseitsderoder.de
Jugendprojekte: www.odraoderodra.eu, www.oderpaare.de

 

Publikation herausgegeben von:

logo_grau_k75-eu-zentrum_gross logo-instytut-cmyk

 

Gefördert von:

logo_erasmus_plus

 

»» Lebenserinnerungen im Video

Mai 302017
 

Eine Akademie macht polnische OrtsvorsteherInnen fit für Europa

Bei Studienreisen ins Ausland und Workshops lernten OrtsvorsteherInnen, wie sie zivilgesellschaftliches Engagement von Jungen und Alten in ihren Dörfern fördern können.

Die Akademie bildet DorfvorsteherInnen im ländlichen Polen aus. Sie starten zivilgesellschaftliche Projekte in ihren Dörfern.

Die Akademie bildet DorfvorsteherInnen im ländlichen Polen aus. Sie starten zivilgesellschaftliche Projekte in ihren Dörfern.

Wer sind diese OrtsvorsteherInnen? Vor allem fördert die Europäische Akademie der Ortsvorsteher mit praxisorientierten Weiterbildungen BürgermeisterInnen kleiner Dörfer. In den verantwortlichen Dorf-Teams sitzen oft aber auch die Vorsitzende des Landfrauenvereins, die Bibliothekarin oder der Leiter des Kulturhauses. „Zusammen ist es einfacher, mit neuen Ideen gegen alte Strukturen anzukämpfen“, erzählt Przemysław Fenrych. Die teilnehmenden Dörfer liegen möglichst nah beieinander und arbeiten in sogenannten „Nestern“ zusammen. „Der Begriff ‚Akademie’ ist irreführend. Vor allem wollen wir mit der Akademie einen Ort für Gespräche und Begegnungen schaffen“ – ein Netzwerk, um die DorfvorsteherInnen aus ihrer provinziellen Isolation zu holen und einen Erfahrungsaustausch zu ermöglichen.

Als Polen 2004 der Europäischen Union beitrat, entstand in der polnischen Stiftung für die Entwicklung Lokaler Demokratie (FRDL) die Idee, DorfvorsteherInnen kleiner Gemeinden für die europäische Idee zu begeistern und „fit zu machen für die politische Bühne“, so der stellvertretende Direktor Fenrych. Die Anpassungsleistungen der polnischen Landbevölkerung seit dem Zusammenbruch des Kommunismus waren enorm. Wie in der DDR lösten sich die staatlichen Landwirtschaftsbetriebe (PGRs) auf und brach die sozioökonomische Struktur vieler Dörfer in Westpolen zusammen: Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Abwanderung. Städter, die sich ihr Häuschen im Grünen leisten konnten, integrierten sich nicht in dem Maße wie die alten DorfbewohnerInnen. Das zivilgesellschaftliche Engagement in der Provinz musste gestärkt werden, so der Gründungsgedanke des FRDL-Projektes Europäische Akademie der Ortsvorsteher (EAO).

In Poźrzadło Wielkie organisierte die Bürgermeisterin Festivals und Workshops zur Glasmalerei. Auch die örtliche Bushaltestelle wurde in das Projekt einbezogen.

In Poźrzadło Wielkie organisierte die Bürgermeisterin Festivals und Workshops zur Glasmalerei. Auch die örtliche Bushaltestelle wurde in das Projekt einbezogen.

In einem ersten Schritt bildeten sich die BürgermeisterInnen fort – mit einer Mischung aus Workshops und internetbasierten Kursen. Die Workshops fanden im Abstand von einigen Monaten statt. Planung, Umsetzung und Auswertung von Projekten wurden begleitet. Ein vom Projekt gestellter Berater half vor allem dann, wenn fachliche oder methodische Expertise gefragt war – etwa bei der Satzung für einen neu zu gründenden Verein oder der Organisation einer Geländerallye. Dörfer, die besonders erfolgreiche Aktionen, Kurse, Feste, Werkstätten oder Workshops ins Leben gerufen haben, bilden eigene Kompetenzzentren. Die Teams machten ihren Heimatort so zu einer Art Themendorf. Die Ortsvorsteherin im pommerschen Poźrzadło Wielkie (Groß Spiegel) wurde 2016 zur Ortsvorsteherin des Jahres ernannt. Sie organisierte mit ihrem Dorf Werkstätten und Feste rund um das Thema Glasmalerei. In Biskupów (Bischofswalde) wollte das Team die Liebe zu traditionellen Trachten bei jungen Leuten wecken. Doch die Jugendlichen wollten nicht in alten Trachten über den Dorfplatz tanzen und entwarfen stattdessen neue, an Alltag und Gegenwart angepasste Trachten.

Erfahrungsaustausch zwischen den Dörfern: Die OrtsvorsteherInnen besuchten das von deutsch-polnischen SchülerInnen betriebene Kaffee zum Glück (Eröffnung 2013 in Trebnitz).

Erfahrungsaustausch zwischen den Dörfern: Die OrtsvorsteherInnen besuchten das von deutsch-polnischen SchülerInnen betriebene Kaffee zum Glück (Eröffnung 2013 in Trebnitz).

Studienreisen ins Ausland sind ein wichtiges Weiterbildungs-Werkzeug der Europäischen Akademie der Ortsvorsteher. Partner wie das ostbrandenburgische Bildungs- und Begegnungszentrum Schloß Trebnitz helfen, Kontakte zu deutschen OrtsvorsteherInnen und Initiativen aufzubauen. Dahinter steckt die Überzeugung, dass der Erfahrungsaustausch zwischen Dörfern auch über Ländergrenzen hinweg fruchtbarer sein kann als der Rat von ExpertInnen aus der Stadt. Die Studienreisen finden regelmäßig statt. Welche Ideen haben BrandenburgInnen umgesetzt, um das gesellschaftliche Leben im ländlichen Raum anzuregen?

Das Spektrum der bisher realisierten Projekte ist breit: Von Aktivitäten rund ums (Kunst-)Handwerk – wie Korbflechten und Schmieden – bis zu touristischen Aktionen wie der Entwicklung grenzüberschreitender Nordic-Walking-Routen war vieles dabei. Der Brandenburger Verein Landblüte machte seit 15 Jahren Bildungsarbeit für Kinder und Jugendliche auf dem Land: Sport, Theater, Kräuterwanderungen. Im Schloß Trebnitz besuchten die polnischen DorfvorsteherInnen die 2013 von deutschen und polnischen SchülerInnen gegründete Firma Kaffee zum Glück. Dort trafen sich die Leute aus der Umgebung, SchülerInnen lernten einen Latte Macchiato zuzubereiten, backten Kuchen, servierten und lernten in kleinen Workshops die Sprache des Anderen. Neben GymnasiastInnen und BerufsschülerInnen halfen auch FörderschülerInnen beim Café-Betrieb: eine beispielhafte Idee, die sich überall umsetzen lässt.

Die Zusammenarbeit von Europäischer Akademie der Ortsvorsteher (EAO) und Schloß Trebnitz soll weitergehen. Die dörflichen Projekte in der deutsch-polnischen Grenzregion sind auch Inspiration für ein neues Projekt der EAO in Zusammenarbeit mit ukrainischen AkteurInnen. Im polnisch-ukrainischen Grenzland gründen sie „Schulen ländlichen Unternehmertums“ und entwickeln dort gemeinsame touristische Projekte.

 

seit 2012 in Polen und Trebnitz
Gespräch mit Przemysław Fenrych
Träger Stiftung für die Entwicklung Lokaler Demokratie (FRDL) (seit 1989)
Projektförderung Schweiz-polnisches Kooperationsprogramm, Norway Grants, Fonds des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR)

 

Infos im Netz
Europäische Akademie der Ortsvorsteher: www.frdl.szczecin.pl
EAO in Trebnitz:
www.schloss-trebnitz.de/dorferinitiative-aus-polen-zu-gast-in-der-region
Profil bei Facebook: www.facebook.com/EurAkademiaSoltysa
Kompetenzzentrum in Poźrzadło Wielkie: https://swpozrzadlo.wordpress.com
Schülerfirma Kaffee zum Glück: cafe.schloss-trebnitz.de

 

Publikation herausgegeben von:

logo_grau_k75-eu-zentrum_gross logo-instytut-cmyk

 

Gefördert von:

logo_erasmus_plus

»» AkteurInnen im ländlichen Raum

Apr 252017
 

In der Jugendagora entwickelten Jugendliche eigene politische Ziele

Jugendliche erarbeiteten Vorschläge für eine jugendgerechte Grenzregion und wurden dabei von PolitikerInnen unterstützt. Nach einer öffentlichen Präsentation verwirklichten sie die Ideen anschließend zusammen mit Polit-PatInnen.

Seit 2011 entwickeln deutsche und polnische Jugendliche in der Jugendagora auf Schloß Trebnitz politische Forderungen für die Grenzregion.

Seit 2011 entwickeln deutsche und polnische Jugendliche in der Jugendagora auf Schloß Trebnitz politische Forderungen für die Grenzregion.

Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren können durchaus politisch sein, man muss sie nur lassen. Bei der Jugendagora stellen sie seit 2011 Jahren ihre Ideen PolitikerInnen aus der Grenzregion vor. Dabei erfahren sie, wie Politik auf Landes- und Landkreisebene funktioniert, wie die Amtsträger „so drauf sind“, warum PolitikerInnen sich für oder gegen eine Idee positionieren. Es entstehen folgende fünf Ideen in gemeinsamen Diskussionen: ein Musikfestival, ein Fußballturnier, ein binationaler Fußballverein, eine regionale Online-Mitfahrzentrale und ein dauerhaftes, institutionalisiertes Jugendparlament.

Mit ihren Ideen reagieren die Jugendlichen auf ein konkretes Problem, das sie ausgemacht haben: viele ärgern sich über zu wenig Freizeitangebote in ihrer Umgebung. Bis zu sechs Jugendliche setzen die einzelnen Ideen um und stellen die Ergebnisse sieben Monate später beim nächsten Treffen vor. Die PolitikerInnen aus Märkisch-Oderland und Gorzów Wielkopolski (Landsberg an der Warthe) hören sich die Vorschläge der Jugendlichen an. Jedes Team bekommt einen Politiker als Paten, der sie unterstützt und berät.

„Wir wollten Politik in ihrer ganzen Komplexität wahrnehmbar machen“, sagt Matthias Busch, Initiator der ersten Jugendagora. Es gehe ihm darum, dass Jugendliche an den sie betreffenden politischen Entscheidungen teilhaben. Dem Vorwurf ihrer Politikverdrossenheit könne man nur begegnen, indem man spannende Formen der politischen Teilhabe schaffe. Planungszellen sind solche Modelle politischer Teilhabe: Die TeilnehmerInnen arbeiten dabei an konkreten Problemen und entwickeln Lösungsvorschläge. Matthias Busch und seine KollegInnen vom Bildungs- und Begegnungszentrum Schloß Trebnitz entwickelten dieses Konzept zu einem grenzüberschreitenden Format weiter, das regionale PolitikerInnen und ExpertInnen früh einbindet.

Die Jugendlichen wurden von PolitikpatInnen beraten und stellten ihre Ergebnisse den regionalen Entscheidern vor.

Die Jugendlichen wurden von PolitikpatInnen beraten und stellten ihre Ergebnisse den regionalen Entscheidern vor.

Abwanderung, eingeschränkte berufliche Perspektiven und ein schlechtes Freizeitangebot: Die Jugendlichen merkten schnell, als sie ihre Videotagebücher ansahen, dass die Provinz auf beiden Seiten der Grenze ähnliche Nachteile hat. In den moderierten Gesprächen wurde an Lösungen gearbeitet, die die Regional- und EU-PolitikerInnen auf ihre Praxistauglichkeit prüften. Zusammen unternahmen die Grüppchen Ausflüge nach Seelow und Kostrzyn (Küstrin), telefonierten mit Ämtern und Firmen, recherchierten Fördermöglichkeiten.

Wie funktionierte die Zusammenarbeit mit den PatInnen? Das Bild von desinteressierten PolitikerInnen revidierten die SchülerInnen schnell: „Ich habe gedacht, die sind überheblicher.“ Die Erfahrung, mit den Ideen ernst genommen, von EntscheidungsträgerInnen gehört zu werden und die Chance, ihre Ideen umsetzen zu können, elektrisierte die Jugendlichen. Allerdings führte die geringe Teilnehmerzahl polnischer PatInnen dazu, dass die polnischen Jugendlichen eher skeptisch waren, ob ihre Ideen auch verwirklicht würden. Der Versuch eines Online-Blogs steckte bei diesem Projekt noch in den Anfängen. Nur wenige SchülerInnen diskutierten die Ergebnisse der ersten Jugendagora. Für ein größeres Publikum junger LeserInnen müsste die Jugendagora mehr im Unterricht behandelt werden.

Viele Ideen der ersten Jugendagora wurden umgesetzt. Aus dem Musikfestival wurde im Sommer 2010 ein großes Konzert mit anschließender Party. Das Projekt der Mitfahrzentrale stellte sich als zu ambitioniert heraus: Es gab datenschutzrechtliche Bedenken. Auch wenn das enttäuschend war, wurde in der gemeinsamen Auswertung klar, warum gute politische Ideen manchmal nicht umzusetzen sind, an „Realpolitik oder komplexen transnationalen Rechtslagen“ scheitern: „Wir haben das mit den Jugendlichen ausgewertet“, so Busch – erklärt, welche AkteurInnen sich warum gegen das Projekt entschieden haben, gezeigt, welche Kräfte am Wirken waren. „Wir wollten die Verhandlungssituation sichtbar machen, damit die Jugendlichen das Projekt nicht als Scheitern, sondern als Lernprozess erleben.“

Eine Idee war besonders erfolgreich: Im Oderjugendrat bringen die Jugendlichen jährlich ihre politischen Forderungen zu Gehör.

Eine Idee war besonders erfolgreich: Im Oderjugendrat bringen die Jugendlichen jährlich ihre politischen Forderungen zu Gehör.

Am ehesten tragbar erwies sich die Idee der Jugendbeteiligung selbst: Eine Kerngruppe von fünf Jugendagora-TeilnehmerInnen wollten die Idee eines langfristigen grenzüberschreitenden politischen Engagements selbst umsetzen und gründeten 2011 den Oderjugendrat: „Wir fordern ein Mitspracherecht der Jugendlichen in der Politik“, sagten die Jugendlichen in ihrem Videoclip. Das EU-finanzierte MORO-Programm des Bundesverkehrsministeriums 2012 zur Demographie forderte vom Verbund Oderbruch und Lebuser Land die Beteiligung von Jugendlichen. Der Seelower Bürgermeister Jörg Schröder hatte als Experte an der Jugendagora in Trebnitz teilgenommen und wusste von dem neu gegründeten Parlament. So wurde der Oderjugendrat Teil des regionalen Bündnisses.

2012 formulierten die 24 Jugendlichen aus Boleszkowice (Fürstenfelde), Kostrzyn-Küstrin, Letschin und Seelow ihre Forderungen zur Bewältigung des demographischen Wandels im Oderland: mehr deutsch-polnische Zusammenarbeit, kreative Schulformen, mehr Mobilität und weniger Bürokratie. Die Arbeit der Jugendlichen wurde gelobt, aber der Staatssekretär Albrecht Gerber kritisierte in der öffentlichen Diskussion im Schloß Trebnitz den Forderungskatalog auch als breit gefächert und zu allgemein gehalten.

Der Oderjugendrat tagt seitdem – finanziert durch verschiedene Projektförderungen – jedes Jahr mit neuen Leuten und zu neuen Themen. Sie lernen dabei nicht nur etwas über politische Prozesse: wer, will kann als deutsch-polnischer Jugendlicher auch auf internationaler Bühne auftreten. Nach aktiven Jugendlichen der deutsch-polnischen Grenzregion werde oft gesucht, sagt Christopher Lucht, offenbar gebe es nicht so viele VertreterInnen ihrer Art.

 

seit 2011 in Trebnitz, Seelow, Müncheberg und Letschin
Gespräch mit Matthias Busch und Christopher Lucht
Träger Bildungs- und Begegnungszentrum Schloß Trebnitz e.V., Universität Hamburg
Projektförderung EU-Programm „Jugend in Aktion“, Bundeszentrale für politische Bildung und weitere

 

Infos im Netz
Schloß Trebnitz: www.schloss-trebnitz.de, www.schloss-trebnitz.de/politische-bildung
Deutsch-polnischer Oderjugendrat: www.oderjugendrat.eu

 

Publikation herausgegeben von:

logo_grau_k75-eu-zentrum_gross logo-instytut-cmyk

 

Gefördert von:

logo_erasmus_plus

»» Wir machen Politik

Mrz 272017
 

Terra Transoderana entwickelte Unterrichtsideen für die Grenzregion

Polnische und deutsche Jugendliche unterzogen die Projektideen ihrer LehrerInnen einem Praxistest. Ihre Erfahrungen flossen direkt in das Unterrichts-Handbuch Terra Transoderana ein.

Deutsche und polnische LehrerInnen entwickelten Unterrichtsideen zur deutsch-polnischen Grenzregion.

Deutsche und polnische LehrerInnen entwickelten Unterrichtsideen zur deutsch-polnischen Grenzregion.

„Wir haben viele LehrerInnen aus der Grenzregion persönlich angesprochen und eingeladen“, erinnert sich Linguist Tomasz Lis. In einem Workshop im Bildungs- und Begegnungszentrum Schloß Trebnitz überlegen deutsche und polnische KollegInnen, wie sie die Grenzregion in ihren Unterricht einbauen können. Im Gegensatz zur außerschulischen Bildung komme das Zuhause der SchülerInnen dort nämlich kaum vor, so Lis. Die Unterrichtsideen aus Terra Transoderana. Deutsch-Polnische Unterrichtsentwicklung sollen die SchülerInnen neugierig auf ihre Heimat machen. In einem zweiten Teil werden die Ideen von SchülerInnen gleich ausprobiert. Am Ende entsteht daraus ein deutsch-polnisches Handbuch.

Die teilnehmenden LehrerInnen kannten die Lehrpläne der jeweiligen Fächer Geschichte, Fremdsprache, Berufskunde oder Literatur sehr gut. Sie wussten, welche Themen attraktiv sein könnten, um tatsächlich von den KollegInnen im Unterricht aufgegriffen zu werden. Im Fach Geschichte begaben sich die SchülerInnen auf die Spuren der Preußischen Ostbahn oder des Templerordens, dessen Komtureien sich beidseits der Oder befanden, und blickten auf die gemeinsame Geschichte der Region zurück. Im Englischunterricht entdeckten die Jugendlichen die Geschichte des Festivals Przystanek Woodstock in Kostrzyn, interviewten seine VeranstalterInnen und schrieben einen Artikel darüber. Im Literaturunterricht spielten die SchülerInnen Szenen aus den Stücken von Bertolt Brecht und Sławomir Mrożek, um die Motive der in Gewaltherrschaft lebenden Figuren zu verstehen. Im Fach Berufskunde entwickelten die LehrerInnen zwei Ideen: die Vorteile einer Kooperation von deutschen und polnischen KfZ-Werkstätten auszuarbeiten, und einen Businessplan für ein Restaurant in der Grenzregion zu schreiben. Die Aufforderung dahinter: Schaut hin, vielleicht gibt es für Euch doch Chancen, hier Arbeit zu finden.

Die SchülerInnen probierten die Ideen für Projekte und Exkursionen auf Schloß Trebnitz aus.

Die SchülerInnen probierten die Ideen für Projekte und Exkursionen auf Schloß Trebnitz aus.

Lehrerworkshop und Schülerprojekte Terra Transoderana fanden im Bildungs- und Begegnungszentrum Schloß Trebnitz statt. Der Verein macht seit 1992 politische Bildungsarbeit im Grenzland – vor allem, aber nicht nur mit Jugendlichen. Als Partnerschaftsbeauftragter Brandenburgs für den Kontakt zur Region Großpolen kümmert sich der Verein seit September 2016 ganz offiziell um die Vermittlung von Kontakten, Initiativen und Informationen zwischen den beiden Regionen.

Die Kontakte und Partnerschaften im Projekt Terra Transoderana. Deutsch-Polnische Unterrichtsentwicklung waren eine wichtige Grundlage für das heutige Trebnitzer Netzwerk aus deutschen und polnischen Schulen. Das aktuelle Projekt Translimes – Schule in der Grenzregion greift auf diese jahrelange Zusammenarbeit zurück. „Translimes geht noch einen Schritt weiter als Terra Transoderana: jetzt geht es um das grenzüberschreitende, interkulturelle Profil der ganzen Schule“, erzählt Tomasz Lis. Die fünf Schulen, die seit 2014 am Projekt teilnehmen, haben den Vorteil, nun mit einem internationalen Profil werben zu können. Die LehrerInnen können sich weiterbilden, die SchülerInnen profitieren von langfristig angelegten Austauschprojekten. Das Ausprobieren und Dokumentieren von Unterrichtsideen, das im ersten Terra Transoderana-Workshop anfing, geht hier in großem Stil weiter.

Als in Trebnitz der Terra Tansoderana-Workshop stattfand, lehnten noch viele deutsche Schulen die Zusammenarbeit mit polnischen Schulen mit der Begründung ab, es bestünden schon genügend Partnerschaften in andere europäische Nachbarländer, erinnert sich Tomasz Lis. Heute ist das anders: „Wir stellen fest, dass jetzt, fünf Jahre später, grenzüberschreitende Kooperation und die Erschließung der Grenzregion im deutschen und polnischen Schulalltag angekommen sind.“

 

seit 2010 in Trebnitz
Gespräch mit Tomasz Lis
Träger Schloß Trebnitz Bildungs- und Begegnungszentrum e.V., Universität Hamburg, Universität Poznań (Posen)
Projektförderung Euroregion Pro Europa Viadrina, Landesjugendamt Brandenburg, Deutsch-Polnisches Jugendwerk (DPJW) und weitere
Heute Translimes – Schule in der Grenzregion (seit 2014)

 

Infos im Netz
Projekt Terra Transoderana: www.participation-transnational.eu/node/116
Projektvorstellung in „Europa leben und gestalten“:
www.schloss-trebnitz.de/content/wp-content/uploads/2014/03/Buch-Leben-und-Gestalten_dt.pdf
Translimes-Projekt: www.participation-transnational.eu/node/101, www.schloss-trebnitz.de/translimes-schule-in-der-grenzregion/translimes-schule-in-der-grenzregion/

 

Publikation herausgegeben von:

logo_grau_k75-eu-zentrum_gross logo-instytut-cmyk

 

Gefördert von:

logo_erasmus_plus

»» Das Grenzland geht in die Schule

Mrz 092017
 
Ein polnischer Verein erinnert an deutsche Geschichte östlich der Oder

Westpolen ist für viele BewohnerInnen auch in vierter Generation noch immer ein unbekanntes Land. Das Projekt Terra Incognita erinnert an die deutsche Geschichte hinter der Oder: mit Bildungsprojekten, einem Fotoworkshop in Chojna (Königsberg in der Neumark) und einem Journalismusworkshop für Jugendliche.

Der polnische Verein Terra Incognita erinnert an die deutsche Geschichte östlich der Oder. Im deutsch-polnischen Fotografieworkshop wurden die Veränderungen in Chojna (Königsberg in der Neumark) dokumentiert.

Der polnische Verein Terra Incognita erinnert an die deutsche Geschichte östlich der Oder. Im deutsch-polnischen Fotografieworkshop wurden die Veränderungen in Chojna (Königsberg in der Neumark) dokumentiert.

„Wissenschaftliche Akteure in Deutschland interessieren sich heute kaum noch für die Geschichte der Länder östlich der Oder“, bedauert Regionalhistoriker Pawel Migdalski. Also muss er die historische Spurensuche vor Ort selbst in die Hand nehmen. 2009 gründet er den Verein Terra Incognita (Unbekanntes Land). Dessen polnische Mitglieder – LehrerInnen, JournalistInnen, Kulturinteressierte – vermitteln die polnische und deutsche Geschichte und Kultur dieser für viele Bewohner unbekannten Region zwischen Szczecin (Stettin) und Gorzów (Landsberg an der Warthe). Die deutsche Geschichte der „wiedergewonnen Gebiete“ vor 1945 war im kommunistischen Polen über Jahrzehnte ein Tabu. Startschuss für die Vereinsarbeit war 2009 die Herausgabe des ersten Rocznik Chojeński, eines Jahrbuchs zur Geschichte der Stadt Chojna und seiner Umgebung. Das Magazin veröffentlicht polnische Artikel mit deutscher Zusammenfassung zur Geschichte und Kultur des Grenzlandes: die Stationierung der preußischen Armee, mittelalterliche Baudenkmäler und Zeitzeugeninterviews mit ehemaligen deutschen BewohnerInnen.

Neben der Herausgabe des Rocznik organisiert der Verein wissenschaftliche Konferenzen, Studienreisen und Workshops. Etwa die Exkursion „Paul Tillich – Theologe auf der Grenze. Auf den Spuren des großen Denkers in der Neumark“ oder 2014 zum 100. Jahrestag des Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine Spurensuche zu Gedenkorten des „Großen vergessenen Krieges“ im Grenzland. Das kollektive Gedächtnis in Polen bewertet den Ersten Weltkrieg anders als die westlichen Nachbarn, da sein Ende für die Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit steht. Ist die Zielgruppe von Terra Incognita die polnische Bevölkerung der Grenzregion, so hat der Verein mit seinem Fokus auf die so lange vernachlässigte deutsche Geschichte auch ein deutsch-polnisches Anliegen. 2011 startete das Projekt „Terra Incognita – gemeinsame deutsch-polnische Geschichte und Gegenwart in einer gemeinsamen Region“ unter der Leitung von Lehrerin Magdalena Ziętkiewicz. 16- bis 19-jährige Jugendliche entwickelten im Reporter-Workshop „Bez granic – Ohne Grenzen“ journalistische Texte über die polnische Grenzregion: über Grenzen im Kopf, PolInnen, die in Schwedt/Oder leben, den Einkauftourismus und deutsch-polnische Kulturprojekte. Im Kurier Szczecinski und der Gazeta Chojenska wurden zwei Schüler-Artikel veröffentlicht.

Im Reportageworkshop schrieben SchülerInnen über den Alltag im Grenzland.

Im Reportageworkshop schrieben SchülerInnen über den Alltag im Grenzland.

In einem dreitägigen Foto-Workshop dokumentierten deutsche und polnische HobbyfotografInnen die Veränderungen im urbanen Raum von Chojna. Alte Fotomotive der Stadt aus den 1930er Jahren wurden mit der heutigen Bebauung verglichen und die Orte erneut fotografisch dokumentiert. Im kollektiven Gedächtnis der Stadt wird Chojna vor 1945 heute als „schöne Stadt der Denkmäler und Parks“ idealisiert, während gleichzeitig kaum etwas über das deutsche Kulturerbe bekannt ist. Der Stettiner Historiker Radosław Skrycki berichtete in seiner Einführung für die HobbyfotografInnen, wie anhand von Postkarten aus den 1930er Jahren in einer historischen Spurensuche die deutsche Geschichte der Stadt erschlossen werden kann. Die Foto-Gegenüberstellungen der Orte, die die TeilnehmerInnen selbst auswählten, spielten durchaus mit den Brüchen der Stadtgeschichte: Die historischen Fotos zeigten die Narben des Krieges, wie ganze Häuserzeilen verschwanden. PassantInnen oder Motorräder auf den Fotos vom heutigen Chojna sind Zitate der Personen und Automobile, die auf den alten Postkarten zu sehen waren. Aus den Workshops entstand die Fotoausstellung „Chojna-Königsberg in den dreißiger Jahren und heute“.

„Unsere Gäste kommen aus Berlin, Szczecin und Gorzów“, zählt Pawel Migdalski auf. Deutsche Teilnehmende seien „trotz Simultanübersetzung“ manchmal schwer zu bekommen. Problematisch findet er, dass nur so wenige Leute aktiv sind, die Projekte oft unterfinanziert. Die Geschichtsvereine auf beiden Seiten der Oder machten viel ihre eigenen Themen und fänden nur zusammen, wenn dadurch mehr Projektförderung zu haben sei. „Ich wünsche mir eine dauerhafte Kooperation mit deutschen Partnern“, so Migdalski. Doch die Arbeit geht weiter: Gedächtnislücken füllen, Brüche in der Geschichte der Grenzregion sichtbar machen. Derzeit plant der Verein die Errichtung eines Gedenksteins zum Jüdischen Friedhof in Chojna. Er wurde 1938 teilweise zerstört. Die Stadtverwaltung Chojna begann auf dem Gelände mit einzelnen noch erhaltenen Mazewot (Grabsteinen), Tor und Mauer in den 1970er Jahren „aufzuräumen“. Bis 1980 wurden die meisten Überreste beseitigt, heute ist nur ein Stück der Friedhofsmauer erhalten. An diese Geschichte will Terra Incognita erinnern.

 

seit 2009 in Chojna (Königsberg in der Neumark)
Gespräch mit Pawel Migdalski und Magdalena Ziętkiewicz
Träger Kulturhistorischer Verein „Terra Incognita“
Projektförderung EU-Interreg-Programm, Landratsamt Gryfino und weitere

 

Infos im Netz
Terra Incognita auf Facebook:
www.facebook.com/Stowarzyszenie-Terra-Incognita-123210941036971/
Jahrbuch Chojna: www.rocznikchojenski.pl/zawartosc-tomow

 

Publikation herausgegeben von:

logo_grau_k75-eu-zentrum_gross logo-instytut-cmyk

 

Gefördert von:

logo_erasmus_plus

»» Terra Incognita – Das unbekannte Land

Mrz 012017
 

Ein marodes Kino erobert die Herzen

Ein altes Kino in Słubice fand Liebhaber vor allem unter den Studierenden der Doppelstadt. Mit Diskussionen und Filmfestivals machten sie auf die Geschichte des Kinos und den kulturellen Wert der in der Region einmaligen Art-déco-Fassade aufmerksam.

Der Filmpalast Friedrichstraße wurde in den 1920er Jahren in der Frankfurter Dammvorstadt gebaut und 1947 im polnischen Słubice als Kino Piast wiedereröffnet (Foto: Eckard Reiß, 1967).

Der Filmpalast Friedrichstraße wurde in den 1920er Jahren in der Frankfurter Dammvorstadt gebaut und 1947 im polnischen Słubice als Kino Piast wiedereröffnet (Foto: Eckard Reiß, 1967).

„Das einzige Słubicer Kino“ hat es besonders unter den Viadrina-StudentInnen zu „bescheidenem Ruhm gebracht“, steht in einem Nachruf auf das 2005 geschlossene Kino Piast. Der Filmpalast Friedrichstraße, in den 1920er Jahren in der Frankfurter Dammvorstadt erbaut, wird 1945 zu Kriegsende geplündert, doch schon 1947 im nunmehr polnischen Słubice wiedereröffnet und nach der ersten polnischen Königsdynastie der Piasten benannt, deren Einflussbereich im 10. bis 13. Jahrhundert der Westausdehnung Polens nach 1945 ähnelte. Unzählige Hotels, Kinos, Museen und Straßen tragen in Westpolen diesen Namen, um die Westverschiebung des Landes nach den Beschlüssen der Alliierten auf der Potsdamer Konferenz 1945 historisch zu legitimieren. In den 1970er Jahren pilgern auch einige Frankfurter zu Filmvorführungen ins Piast, da im kulturpolitisch etwas offeneren Polen Hollywoodproduktionen gezeigt werden, die in der DDR nicht in die Kinos kommen.

Auch nach der Wende wurden im Piast, dem einzigen Kino in Słubice und Umgebung, Filme gezeigt. Durch das Hochwasser 1997 wurde das Kino allerdings spürbar maroder. Man „mokierte sich über den penetranten Geruch der Räumlichkeiten“, noch Stunden nach dem Kinobesuch hatte man den Geruch in der Kleidung. Doch die StudentInnen mochten den kuriosen und legendären Veranstaltungsort in Słubice. Der Pächter bot unter dem Art-déco-Portal auch Gemüse und Blumen an, um den Filmvorführbetrieb zu finanzieren. Noch 2003 organisierten Studierende dort den grenzüberschreitender Ableger des FilmFestivals Cottbus – Festival des osteuropäischen Films. Doch wenig später wurde das Kino an einen privaten Investor verkauft und damit eines der wenigen historisch bedeutenden Gebäude in Słubice zum Spekulationsobjekt. Am 25. Februar 2005 schloss das Kino Piast mit der Vorstellung des Films „Final Call“.

Studierende der Oderstadt mochten den kuriosen Ort und setzen sich gegen den geplanten Abriss ein.

Studierende der Oderstadt mochten den kuriosen Ort und setzen sich gegen den geplanten Abriss ein.

2009 wurde bekannt, dass das alte Kinogebäude abgerissen werden soll. Dagegen formierte sich in Słubice und Frankfurt (Oder) Widerstand. Die Frankfurter Studierendeninitiative Institut für angewandte Geschichte e.V. fragte beim Wojewoden in Gorzów (Landsberg an der Warthe) nach, ob man den Abriss nicht verhindern könne. Zusammen mit dem Słubicer Kulturhaus SMOK und anderen AktivistInnen sammelte der Verein Unterschriften und organisierte eine öffentliche Diskussion über die Zukunft des Kinos, auch eine Mitarbeiterin des Denkmalschutzamtes nahm daran teil. Das Amt entschied einige Monate später, zumindest die Art-déco-Fassade unter Denkmalschutz zu stellen. Wenig später tauchte in der Regionalzeitung Gazeta Lubuska eine Annonce auf: „Verkaufe Kino Piast“. Doch zu einem Verkauf kam es nicht. Später bemühten sich die Besitzer des Grundstücks um die Streichung der Fassade von der Denkmalliste. Studierende des Masterstudiengangs Schutz Europäischer Kulturgüter an der Europa-Universität Viadrina gründeten die Facebook-Seite Save Kino Piast. Bis heute posten die BetreiberInnen dort Neuigkeiten über das Schicksal des Kinogebäudes und Informationen über die regionale Kinogeschichte.

Trotz aller Bemühungen um den Erhalt wurde 2012 der Kinosaal abgerissen. Bei den Bauarbeiten kamen die ersten beiden Buchstaben des Schriftzugs „abhanden“. Die so entstandene Warnung „NO PIAST“ nahmen die AktivistInnen vom Institut für angewandte Geschichte wörtlich und organisierten 2013 das „NO PIAST – Festival eines verlorenen Kinos“ mit Filmen aus dem Kinoprogramm seit 1924. Sie wollten die Diskussion um die Nutzung und den Schutz des lokalen Kulturerbes erneut anregen. „Es war schon etwas besonderes“, meint Historikerin Magdalena Abraham-Diefenbach, die über die Kinogeschichte der Region promovierte: „Wir retteten die Fassade des ‚deutschen‘ Filmpalasts Friedrichstraße der damaligen Frankfurter Dammvorstadt, der aber ein Erinnerungsort von Deutschen und Polen ist“. Das Kino Piast habe immer wieder und weitgehend unabhängig voneinander neue Generationen von Studierenden, FrankfurterInnen und SłubicerInnen mobilisiert, erzählt Nancy Waldmann vom Institut für angewandte Geschichte. Junge Menschen, die selbst nie im Kino Piast einen Film gesehen haben, setzten sich für den Erhalt der Gebäude ein.

Die historische Art-déco-Fassade steht mittlerweile unter Denkmalschutz, doch das Gebäude ist weiterhin Spekulationsobjekt mit unsicherer Zukunft.

Die historische Art-déco-Fassade steht mittlerweile unter Denkmalschutz, doch das Gebäude ist weiterhin Spekulationsobjekt mit unsicherer Zukunft.

Ideen für eine Neueröffnung gab es immer wieder, die deutschen und polnischen AktivistInnen scheiterten bisher vor allem an der Eigentumsfrage. Viele Initiativen haben sich „als Feuerwehr“ engagiert, um Schlimmeres, wie den Abriss der Fassade, zu verhindern. Aber die Kraft reichte bisher nicht für mehr. Das Engagement der Studierenden war bei zeitlich begrenzten Studienprojekten meist von kurzer Dauer. Eine Ausnahme ist Architekturstudent Adrian Mermer aus Wrocław (Breslau). In seiner Abschlussarbeit hat er Entwürfe für den Komplex rund um die alte Fassade des Kino Piast ausgearbeitet. Ihm schwebt ein Kulturzentrum mit Theater, Kino und Café vor: die Fassade rekonstruiert, der Kinosaal modern wieder aufgebaut und als Theaterbühne nutzbar.

Vielleicht gibt es jetzt die Möglichkeit, sich zusammenzuschließen, Ressourcen zu bündeln und einen Antrag zu entwickeln. Grenzüberschreitendes Denken könnte die Lösung sein: In Frankfurt (Oder) verfällt seit Jahren das denkmalgeschützte DDR-Kino Lichtspieltheater der Jugend, auch im Zentrum der Stadt gelegen, auch in der Hand eines auf wertsteigernden Wiederverkauf spekulierenden Investoren. Dort laufen zurzeit Zwangssanierungen der Stadt, da der Eigentümer seiner Pflicht der Substanzerhaltung nicht nachkommt. Auch hier bemühen sich FrankfurterInnen um ein Nutzungskonzept. Das Institut für angewandte Geschichte organisierte 2015 zum 60-jährigen Bestehen des Gebäudes das „Lichtspielfest der Jugend“ mit Spiel- und Dokumentarfilmen aus den 1970er Jahren. Aktuell gibt es eine Ausstellung des Frankfurter Kunstvereins zum Lichtspieltheater. Vielleicht gelingt es allen AkteurInnen, gemeinsam ein Konzept für die Doppelstadt zu entwickeln – ein Kino-Kaffee-Theater Piast in Słubice und ein Museumsbau für DDR-Kunst im Frankfurter Lichtspieltheater. Für den Rückkauf der Grundstücke und deren Sanierung und Umbau müssen allerdings noch viele öffentliche Fördergelder eingeworben werden.

 

seit 2009 in Słubice und Frankfurt (Oder)
Gespräch mit Magdalena Abraham-Diefenbach und Nancy Waldmann
Träger Institut für angewandte Geschichte e.V., Kulturhaus SMOK, Dobro Kultury Stiftung, Masterstudiengang Schutz Europäischer Kulturgüter Europa-Universität Viadrina
Projektförderung Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, Europäischer Fond für Regionale Entwicklung/Small Project Fund, Messe und Veranstaltungs GmbH Frankfurt (Oder) und weitere

 

Infos im Netz
Artikel zur Schließung des Kinos: http://slubice.de/texte/050224.html
Facebook-Seite Save Kino Piast: www.facebook.com/KinoPiast/
Kulturhaus SMOK: www.smok.slubice.pl
Interviews mit Slubicern zum Abriss 2012: www.facebook.com/KinoPiast/videos/
Festival NO PIAST 2013: www.instytut.net/no-piast-festival-des-verlorenen-kinos/
Lichtspielfest der Jugend 2015: www.instytut.net/lichtspielfest-der-jugend/
Buch „Paläste und Kasernen“: www.atut.ig.pl/?1225,palace-i-koszary
Ausstellung „Neue Horizonte“: www.ffkv.info/ausstellung16_08.html

 

Publikation herausgegeben von:

logo_grau_k75-eu-zentrum_gross logo-instytut-cmyk

 

Gefördert von:

logo_erasmus_plus

»» Save Kino Piast

Feb 012017
 

Internationale Jugendbegegnungen im ehemaligen NS-Kriegsgefangenenlager

„Putzen und Schweißen – Grillen und Chillen“ – so warb der Verein Meetingpoint Music Messiaen in Görlitz für seine Sommercamps. In einer Metallwerkstatt entwickelten die Jugendlichen Kunstwerke zur Geschichte des Lagers, die zum Bestandteil der Gedenkstätte wurden.

In der Metallwerkstatt schweißen Jugendliche aus ganz Europa Kunstwerke für die Gedenkstätte des NS-Kriegsgefangenenlagers.

In der Metallwerkstatt schweißen Jugendliche aus ganz Europa Kunstwerke für die Gedenkstätte des NS-Kriegsgefangenenlagers.

Ein Mädchen aus Polen fühlt sich wie eine echte Archäologin. Sie findet besonders gut, dass „wir alles im Team machen“. Die Jugendlichen graben gerade ein Barackenfundament aus, finden Nägel, Teller und Münzen. Ihre Arbeit hilft bei der ständigen Suche nach den Spuren des Kriegsgefangenenlagers Stalag VIII A in Zgorzelec (Görlitz). Der Künstler Matthias Beier leitet den Metallbauworkshop. Mit ihm machen die Jugendlichen aus ihrer Beschäftigung mit der Geschichte des Ortes ein Kunstwerk. 2016 modellierten die TeilnehmerInnen Masken der oft anonym verscharrten Kriegsgefangenen auf Grundlage alter Fotos. Die Kunstwerke werden alle auf dem Gelände der Gedenkstätte aufgestellt. Auf die Frage, was ihnen besonders gut gefallen haben, antworten viele Jugendlichen zwar: „afghanisch kochen, Party machen, baden fahren!“ Aber die Atmosphäre ist eben besonders toll, „weil wir etwas Sinnvolles machen.“

Worcation (work and vacation) heißt der „Verkaufsschlager“ von Meetingpoint Music Messiaen. Der Verein veranstaltet das zweiwöchige Sommercamp mit etwa 30 Jugendlichen jedes Jahr seit seiner Gründung im Jahr 2007. Fünf Jahre zuvor kam Literaturwissenschaftler Dr. Albrecht Goetz nach Zgorzelec und stieß auf die Geschichte des französischen Komponisten Olivier Messiaen (1908-1992), der im sogenannten Stammlager VIII A in Görlitz-Moys (heute Zgorzelec) eines der berühmtesten Kammermusikstücke des 20. Jahrhunderts geschrieben hatte. Ein Konzert jedes Jahr im Januar erinnert feierlich an die Uraufführung 1941 vor 300 Kriegsgefangenen. In den Jahren 1940 bis 1945 gingen insgesamt etwa 120 000 Polen, Franzosen, Belgier, Slowaken, Jugoslawen, Sowjetbürger, Italiener, US-Amerikaner und Engländer durch das Kriegsgefangenenlager. Dr. Goetz entwickelte die Idee für den Meetingpoint Music Messiaen, ein Jugendbildungszentrum, das nicht nur mit der Geschichte des Ortes konfrontiert, sondern auch etwas über Theater, Kunst und Musik vermittelt. Denn, so beschreibt Frank Seibel, Vorsitzender des Vereins, die Gründungsidee: „Dieser Ort des Leids war gleichzeitig ein Ort, an dem so etwas Positives wie diese Musik entstanden war.“ Die Jugendlichen sollten in dem Bildungszentrum, das ihm vorschwebte, nicht nur mit der Geschichte des Ortes konfrontiert werden, sondern etwas über Theater, Kunst und Musik lernen.

Im Archäologie-Workshop bergen Jugendliche die Hinterlassenschaften der Gefangenen aus dem Waldboden.

Im Archäologie-Workshop bergen Jugendliche die Hinterlassenschaften der Gefangenen aus dem Waldboden.

Junge Erwachsene aus den Nationen der Kriegsgefangenen kommen seit Jahren, um die Gedenkstätte zu erhalten und zu erweitern. Die meisten interessierten sich schon vorher für Geschichte. Aber Meetingpoint Music Messiaen e.V. warb explizit auch mit dem Spaßfaktor einer internationalen Jugendbegegnung: Wer „kehrt und putzt“, kann hinterher „grillen und chillen“. Doch die Konfrontation damit, dass tausende Kriegsgefangene anonym im Wald oder auf Friedhöfen verscharrt wurden, beschäftigt die Jugendlichen; ob beim Schweißen in der Metallbauwerkstatt oder angesichts der vorsichtig abgestaubten Hinterlassenschaften, die sie mitten im Wald fanden. Die Jugendlichen mussten sich am Anfang selbst in internationalen Wohngemeinschaften zusammenfinden, sie kochten gemeinsam und organisierten ihren Camp-Alltag selbst. Doch jedes Jahr meldeten sich neue TeilnehmerInnen, die von der Ausschreibung angesprochen oder über Empfehlungen ehemaliger TeilnehmerInnen nach Görlitz kamen. Die neuen internationalen Freundschaften enden nicht nach zwei Wochen: Online halten viele weiter Kontakt und organisieren Nachtreffen.

Der Verein Meetingpoint Music Messiaen veranstaltet auch Kunst- und Theaterprojekte für Kinder und Jugendliche in Görlitz-Zgorzelec.

Der Verein Meetingpoint Music Messiaen veranstaltet auch Kunst- und Theaterprojekte für Kinder und Jugendliche in Görlitz-Zgorzelec.

Aber die Bildungsarbeit ging auch über die Geschichte des Ortes hinaus. Meetingpoint Music Messiaen organisiert jedes Jahr eine Fahrt mit Jugendlichen aus der Region zu einer Generalprobe der Staatskapelle Dresden. Zudem kommt regelmäßig das Kammerorchester Sinfonietta Dresden nach Görlitz-Zgorzelec, um Uraufführungen von Werken junger KomponistInnen zu präsentieren. Zu den Konzerten, vor allem zum „besonderen Neujahrskonzert“ von Messiaens Kammermusikstück kommen regelmäßig über 300 Leute aus der Region. Oder im Projekt Kunstpause „kapern“ über 500 Kinder und Jugendliche aus Görlitz-Zgorzelec vom Kindergarten bis zum Gymnasium für einen Tag das Gerhart-Hauptmann-Theater und zeigen Kunstperformances.

Eine EU-Investitionsförderung ermöglichte zwischen 2009 und 2014 den Bau des Europäischen Zentrums für Bildung und Kultur im ehemaligen Stalag. Eine EU-Förderung sei zwar „charmant, aber wie geht es nach Fertigstellung des Baus weiter?“, fragte sich Frank Seibel. In Zgorzelec wurde als Partner für den EU-Antrag die Stiftung Zentrum zur Unterstützung von Unternehmertum (Fundacja Centrum Wspierania Przedsiębiorczości) gegründet, die heute das Gebäude betreibt. Stadt und Landkreis förderten die Gedenkstätte beidseits der Grenze, seit 2014 bekommt der Verein jährlich eine Zulage als Koordinierungsstelle Internationale Jugendarbeit GörlitZgorzelec. In der nächsten Zeit gehe es darum, eine institutionelle Förderung zu finden. Vor allem der Unterhalt für das Gebäude verschlinge viel Geld, so Seibel. War die polnische Partnerstiftung zu Anfang eine „Stiftung für alle“, wird der Stiftungszweck als Stiftung für Kultur und Bildung nun stärker auf den Betrieb des Zentrums ausgerichtet. Mit Meetingpoint Music Messiaen e.V. wird nun zunehmend intensiv an Zukunftsplänen arbeitet.

seit 2007 in Zgorzelec-Görlitz
Gespräch mit Frank Seibel und Natalia Kozik
Träger Meetingpoint Music Messiaen e. V., Fundacja Centrum Wspierania w Zgorzelcu
Projektförderung Europastadt Görlitz-Zgorzelec, Deutsch-polnisches Jugendwerk (DPJW), Euroregion Neisse-Nisa-Nysa, Kulturstiftung des Freistaats Sachsen, Robert-Bosch-Stiftung und weitere

 

Infos im Netz
Meetingpoint Music Messiaen e.V.: www.meetingpoint-music-messiaen.net
Workcamp Blog 2014: https://internationalworkcamp.wordpress.com/
Workcamp Blog 2016: https://worcation2016.wordpress.com/
Worcation Film 2016: https://youtu.be/jP_9LPX9HHQ

 

Publikation herausgegeben von:

logo_grau_k75-eu-zentrum_gross logo-instytut-cmyk

 

Gefördert von:

logo_erasmus_plus

»» Work and vacation im Stalag VIII A

Jan 182017
 

Inklusive Jugendbegegnungen am historischen Ort

Wie gestalte ich internationale Jugendbegegnungen inklusiv? Das lernen JugendbildnerInnen aus ganz Europa im niederschlesischen Krzyżowa (Kreisau). Ziel ist es, Bildungseinrichtungen mit inklusiven Methoden vertraut zu machen und die geschulten Fachkräfte untereinander zu vernetzen.

Im Kreisauer Modell Training lernen Fachkräfte, wie sie ihre Arbeit inklusiv gestalten können. (Foto: Kreisau-Initiative)

Im Kreisauer Modell Training lernen Fachkräfte, wie sie ihre Arbeit inklusiv gestalten können. (Foto: Kreisau-Initiative)

„Es ist eine tolle Erfahrung, die eigenen Barrieren im Kopf zu durchbrechen, wenn man mit hörenden und gehörlosen Jugendlichen rappt und tanzt oder mit RollstuhlfahrerInnen Volleyball spielt“, erzählt eine Teilnehmerin. Zwischen unsicherem Gekicher und angeleiteten Kennlernspielen bringen inklusive und internationale Jugendbegegnungen der Kreisau-Initiative stereotype Vorstellungen über den Anderen ins Wanken. Inklusiv, was heißt das eigentlich? „Klingt wie all inclusive“, heißt es in einem Film über das inklusive Projekt Brückenschlag in Krzyżowa. Gemeint ist, dass die Gesellschaft allen Menschen unabhängig von Bildungserfahrungen oder Behinderungen gleiche Chancen gewähren soll. Zum Beispiel die Möglichkeit, an einer internationalen Jugendbegegnung auf dem Gut Kreisau teilzunehmen. Elżbieta Kosek, Leiterin des Bereichs Inklusion der Kreisau-Initiative arbeitet mit ihren KollegInnen daran, dass alle in gleichem Maße von dieser Erfahrung profitieren können.

2006 führten der Berliner Verein Kreisau-Initiative und die Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung als einer der ersten Träger überhaupt internationale Begegnungen Jugendlicher mit Lernschwierigkeiten durch. Die BildungsreferentInnen entwickelten aus ihren Erfahrungen heraus das Kreisauer Modell Training. Die Weiterbildung für PädagogInnen und Fachkräfte der Jugendarbeit aus Deutschland, Polen und Europa wird seitdem zwei- bis dreimal im Jahr angeboten. Beim Kreisauer Modell Basic geht es um die inhaltliche Gestaltung, Projektmanagement und Methoden. Seit einer solchen Weiterbildung beantragen etwa die PädagogInnen der rumänischen Kinderdörfer eigenständig EU-Mittel. Im Kreisauer Modell Advanced werden spezielle Methoden mit inklusivem Ansatz unter anderem in den Bereichen Tanz, Zirkus, Theater und Medienpädagogik vermittelt. Behindertenwerkstätten und Schulen, etwa in Polen und Tschechien, bieten dank solcher Weiterbildungen regelmäßig inklusive Tanzkurse und Zirkusworkshops in ihren Einrichtungen an.

Internationale Jugendbegegnungen sind ein guter Ort für inklusive Arbeit. Abschlussvorstellung des Zirkusworkshops der Jugendbegegnung Brückenschlag im Mai 2016. (Foto: Harmony Art)

Internationale Jugendbegegnungen sind ein guter Ort für inklusive Arbeit. Abschlussvorstellung des Zirkusworkshops der Jugendbegegnung Brückenschlag im Mai 2016. (Foto: Harmony Art)

Die Trainings und inklusiven Jugendbegegnungen der Kreisau-Initiative finden überwiegend auf Gut Kreisau in der Woiwodschaft Niederschlesien statt. Hier traf sich 1943 und 1944 der Kreisauer Kreis, eine geheime Widerstandsgruppe gegen Hitler. Am 12. November 1989 feierten dort Helmut Kohl und der erste frei gewählte polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki die in Polen vielbeachtete Versöhnungsmesse. In Deutschland hingegen wurde die symbolische Umarmung der beiden Politiker im Freudentaumel der drei Tage zuvor geöffneten Berliner Mauer kaum wahrgenommen. Bereits in den 1980er Jahren entstand die Idee, an dem Ort eine europäische Begegnungsstätte zu errichten. 1990 wurde dann die polnische Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung gegründet. Ihr wichtigster Partner ist die zeitgleich von Ost- und Westdeutschen in Berlin gegründete Kreisau-Initiative. Von jährlich etwa 40 Workshops und Trainings der Kreisau-Initiative in Krzyżowa sind mehr als ein Dutzend inklusiv. Die Fördergelder dafür werden jedes Jahr neu beantragt.

Die TeilnehmerInnen des Kreisauer Modell Trainings, die in NGOs und Fördereinrichtungen überall in Europa arbeiten, gehen als BotschafterInnen des Kreisauer Modells zurück an ihre Arbeitsstellen und teilen die Methoden in ihren Netzwerken. Die jungen Menschen, die zu inklusiven Jugendbegegnungen, wie dem Projekt Brückenschlag, nach Krzyżowa kommen, sind oft aus diesem Netzwerk an Einrichtungen. Es mangelt nicht an Jugendlichen, die an den inklusiven Begegnungen teilnehmen möchten. Anders sieht es bei den Fachkräfte-Trainings aus: Man merke, dass der deutsche und österreichische Markt für geförderte Weiterbildungen viele gute Angebote haben und merklich übersättigt sei; JugendbildnerInnen aus den neuen EU-Ländern oder Nicht-EU-Ländern Mittelosteuropas hingegen nutzten sehr gerne die Möglichkeit zu Weiterbildung und Austausch, sagt Elżbieta Kosek.

Was lernen die Fachkräfte in den Trainings? Methodisch sind vor allem die bei internationalen Begegnungen üblichen Sprachanimationsspiele eine Herausforderung. Wie kann man miteinander reden, wenn jemand keine Fremdsprache spricht oder nur über das Gehör oder die Augen kommunizieren kann, ohne dass die Jugendlichen von der Situation überfordert sind? Einige Grundlagen haben die Kreisauer InklusionspädagogInnen formuliert. Wichtig ist etwa das Zwei-Sinne-Prinzip: alle Informationen sollten gleich sichtbar und hörbar sein. Alles wird in Einfache oder Leichte Sprache übersetzt. Dabei darf jeder Satz nur eine Aussage enthalten. Auch Aufwärmspiele sind meist wenig inklusiv, sie beruhen oft auf körperlicher Schnelligkeit. Diese Spiele können weiterentwickelt werden: Alle, egal welche motorischen Fähigkeiten sie haben, müssen sich in slow motion bewegen. Wichtig sei es, bei der Gestaltung immer die Gruppe im Blick zu haben, fasst Kosek zusammen. Für solche Besonderheiten zu sensibilisieren und methodische Kompetenzen zu vermitteln, sei ein wichtiges Ziel des Kreisauer Modell Trainings.

Durch die Weiterbildungen entstand ein europaweites Netzwerk an Einrichtungen, die inklusiv arbeiten. (Clownerie Workshop 2015, Foto: Kreisau-Initiative)

Durch die Weiterbildungen entstand ein europaweites Netzwerk an Einrichtungen, die inklusiv arbeiten. (Clownerie Workshop 2015, Foto: Kreisau-Initiative)

„Wir alle machen Fehler, aber davor darf man keine Angst haben.“ Elżbieta Kosek erinnert sich dabei an ein Treffen, an dem auch gehörlose Jugendliche teilnahmen. Drei hörende Jugendliche präsentierten einen Film ohne Untertitel oder Gebärdendolmetscher. Eine hitzige Diskussion über Diskriminierung und verhinderte Teilhabe begann. Die jungen FilmemacherInnen verstanden, dass sie nicht alle mit einem solchen Beitrag erreichen konnten. Und den gehörlosen Jugendlichen wurde klar, dass auch die deutschen Jugendlichen den polnischen Film nicht verstanden hatten.

Internationale Jugendbegegnungen „mit ihren kurzen und intensiven Begegnungen“ sind ein guter Ort für inklusive Arbeit, sagt Kosek: Die Jugendlichen sind in der nicht-alltäglichen Situation offener für neue Erfahrungen und neue Menschen, egal wie sehr sie von den eigenen Vorstellungen von „Normalität“ abweichen: eine gute Möglichkeit, um Jugendliche aus verschiedenen Lebenswelten zusammenzubringen. Alle sind anders, und alle werden mit Stereotypen konfrontiert, seien es „die Rollstuhlfahrerin“ oder „der Pole“. Diese Vorstellungen lassen sich unmittelbar in Kennlernspielen ansprechen und in einem Filmprojekt oder Theaterstück verarbeiten. Die Kreisau-Initiative mit ihrem Schwerpunkt Inklusionspädagogik möchte methodische Ansätze europaweit zusammenbringen und greift auch aktuelle Probleme auf. Im Kreisauer Modell Europa stellen sich drei neue Projekte vor: Syrische Geflüchtete bieten in Weimar Workshops zum Thema Flucht und Islam für deutsche Fachkräfte an, eine Psychologin berichtet von ihrer Arbeit mit Inlandsflüchtlingen in der Ukraine und eine Gruppe aus Wrocław (Breslau) erzählt von ihrem Projekt mit Angehörigen der Roma-Minderheit.

seit 2005 in Krzyżowa und Berlin
Träger Kreisau-Initiative e.V., Fundacja „Krzyżowa“ dla Porozumienia Europejskiego (Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung) (seit 1990)
Projektförderung EU-Programm Erasmus+, Deutsch-Polnisches Jugendwerk (DPJW) und weitere

 

Infos im Netz
Kreisau-Initiative e.V.: www.kreisau.de
Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung: www.krzyzowa.org.pl
Film zum Projekt Brückenschlag: youtu.be/hCXvyLgq8Nw
Publikation: „Alle anders verschieden“: www.kreisau.de/de/projekte/inklusionspaedagogik/

 

Publikation herausgegeben von:

logo_grau_k75-eu-zentrum_gross logo-instytut-cmyk

 

Gefördert von:

logo_erasmus_plus

»» Das Kreisauer Modell

Dez 212016
 

Die Neuentdeckung der Jakobswege östlich und westlich der Oder

StudentInnen begeben sich auf die Spuren der Jakobuspilger, um ein spirituelles und touristisches Phänomen der Neuzeit nach Brandenburg und Lebus zu holen.

Der Pilgertourismus erlebte in den 2000er Jahren eine Renaissance. In Brandenburg und Westpolen recherchierten StudentInnen den historischen Verlauf des Jakobswegs.

Der Pilgertourismus erlebte in den 2000er Jahren eine Renaissance. In Brandenburg und Westpolen recherchierten StudentInnen den historischen Verlauf des Jakobswegs.

2005 startet Prof. Dr. Dr. Ulrich Knefelkamp an der Europa-Universität Viadrina das erste Projektseminar „Jakobswege östlich und westlich der Oder“. Zu diesem Zeitpunkt ist die Region noch nicht an das europäische Netz der modernen Jakobswege angebunden. Ziel des Seminars ist die Wiederentdeckung des Verlaufs der historischen Jakobswege und deren Reaktivierung im 21. Jahrhundert. Die StudentInnen recherchieren in Archiven, Bibliotheken und Kirchen: Gibt es Darstellungen vom heiligen Jakobus oder in Polen vom heiligen Nikolaus, Schutzpatron der Reisenden? Wie kann der historische Weg in der heutigen Zeit verlaufen und wieder erschlossen werden? „Genauso wichtig wie die historische Recherche ist die aktive Zusammenarbeit mit den Leuten vor Ort“ sagt Magdalena Pietrzak, Koordinatorin für die Erschließung und Bewerbung des polnischen Teils: Lokalhistoriker aufspüren, mit den Gemeinden, der Verwaltung und der Kirche sprechen, wie der Verlauf erfolgen und die Ausschilderungen aufgestellt und finanziert werden sollen. „Am Ende, wenn es gut läuft, sieht man unmittelbar die Auswirkungen seiner wissenschaftlichen Arbeit“. Das ist das Erfolgskonzept des praxisorientierten Projektseminars.

TeilnehmerInnen des Jakobsweg-Seminars vor der Frankfurter Marienkirche mit Pilgern aus der Region.

TeilnehmerInnen des Jakobsweg-Seminars vor der Frankfurter Marienkirche mit Pilgern aus der Region.

Verschiedene Teams waren für die Erkundung von Teilstrecken in Brandenburg und der Woiwodschaft Lebus zuständig. Besonders in den grenznahen Gebieten mussten die StudentInnen gut zusammenarbeiten und sich gegenseitig mit Informationen unterstützen. Denn „der Weg endet nicht an der Oder, die Gebiete, die die historische Grundlage der Recherche sind, waren nicht deutsch oder polnisch“ so Magdalena Pietrzak. Das Interesse am Jakobsweg bei den kommunalen Verwaltungen zu wecken, war nicht einfach. In Polen waren die Jakobswege und spiritueller Tourismus noch nicht so bekannt, wie in Deutschland. Im katholisch geprägten Land organisiert die Kirche die Pilgerschaft, meist zu Zielen in Polen, wie Częstochowa oder Licheń Stary. Mittlerweile jedoch ist der Jakobsweg-Pilgertourismus auch dort in Mode gekommen: an den Projektergebnissen haben polnische Gemeinden zunehmend Interesse.

Jakobswegweiser in Słubice (Foto: Maria Schlüter)

Jakobswegweiser in Słubice (Foto: Maria Schlüter)

Ein Pilgerführer für zwei Strecken im Land Brandenburg, von Frankfurt (Oder) nach Bernau bei Berlin sowie nach Erkner, erschien 2008. Beide Strecken sowie eine weitere, von Berlin nach Leipzig, sind inzwischen durchgehend mit dem europäischen Wegezeichen, einer stilisierten gelben Muschel auf blauem Untergrund, versehen. Auch in der Woiwodschaft Lebus sind die Jakobswege seit 2010 weitgehend ausgeschildert. Im Jahr 2015 gab der Verein Freunde der Jakobswege in Polen für diese Wegstrecke einen polnischen Pilgerführer heraus. Er beruht auf den Recherchen von Magdalena Pietrzak und ihren StudentInnen im Projektseminar.

 

Spuren des Pilgerweges finden sich in Jakobskirchen beidseits der Oder, wie hier in Ośno Lubuskie (Drossen) (Foto: Magdalena Pietrzak)

Spuren des Pilgerweges finden sich in Jakobskirchen beidseits der Oder, wie hier in Ośno Lubuskie (Drossen) (Foto: Magdalena Pietrzak)

2011 gründeten die StudentInnen gemeinsam mit Interessierten aus der Region den Verein Jakobusgesellschaft Brandenburg-Oderregion e.V. Sie kümmerten sich weiter um die Recherche der historischen Wege, deren Ausschilderung und Einbindung regionaler Akteure. „Wir würden gerne weiter deutsch-polnisch arbeiten und Kooperationen ausbauen. Dafür benötigen wir allerdings finanzielle Mittel und die Unterstützung von polnischsprachigen Helfern“ sagt Katharina Maak, Projektkoordinatorin in den Anfängen des Seminars und heute Schatzmeisterin des Vereins. Das größte Hindernis ist die Sprachbarriere: Der Verein bräuchte jemanden, der die polnischen Kontakte herstellt.

„Mit der Vereinsgründung ist die Überführung des universitären Projektes in eine zivilgesellschaftliche Initiative geglückt“ freut sich Professor Knefelkamp. Er ist überzeugt: Die Auseinandersetzung mit mittelalterlicher Geschichte öffnet die Augen für die „Oderregion als europäische Kulturregion“. 2016 wurde der Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte an der Europa-Universität Viadrina geschlossen. Die Ergebnisse der Arbeit von Ulrich Knefelkamp und seinen StudentInnen werden bleiben: Die Wiederbelebung der Jakobswege und ihre Anbindung an das Europäische Wegenetz als touristisches Ziel für die strukturschwache Region beidseits der Oder.

von 2005 bis 2011 in Brandenburg und der Woiwodschaft Lebus
Gespräch mit Magdalena Pietrzak, Dr. Katharina Maak und Prof. Dr. Dr. Ulrich Knefelkamp
Träger Europa-Universität Viadrina
Projektförderung EU-INTERREG-Projekt „Grenze und Grenzüberschreitung“, Regionalmanagement
Heute Jakobusgesellschaft Brandenburg-Oderregion e.V. (seit 2011)

 

Infos im Netz
Jakobusgesellschaft Brandenburg-Oderregion: www.brandenburger-jakobswege.de
Infos zum polnischen Pilgerführer: www.camino.net.pl/przewodniki/lubuska-droga-sw-jakuba-przewodnik-pielgrzyma auf deutsch: www.camino.net.pl/lubuska/kurzbeschreibung-in-deutsch

 

Publikation herausgegeben von:

logo_grau_k75-eu-zentrum_gross logo-instytut-cmyk

 

Gefördert von:
logo_erasmus_plus

»» Pilgern ohne Grenzen

Dez 122016
 

Mit HeimatReise auf familiärer Spurensuche in Polen

Die Idee war genial, die Umsetzung leidenschaftlich: KulturwissenschaftlerInnen unterstützten Menschen bei ihrer familiären Spurensuche in Polen. Die individuelle Begleitung persönlicher Begegnungen war auch eine zeitgemäße Antwort auf die fragwürdige Idee eines deutschen „Zentrums gegen Vertreibungen“.

Deutsche Besucher und polnische Gastgeber erzählen Geschichten und zeigen alte Dokumente über ihr Zuhause. (Foto: Stephan Felsberg)

Deutsche Besucher und polnische Gastgeber erzählen Geschichten und zeigen alte Dokumente über ihr Zuhause. (Foto: Stephan Felsberg)

Die Gründungsidee von HeimatReise ist die individuell begleitete, familiäre Spurensuche in die alte Heimat im heutigen Polen. Studierende der Kulturwissenschaften vermitteln den Spurensuchern die Regionalgeschichte vor und nach 1945. Sie sprechen fließend beide Sprachen, suchen und finden Kontakte vor Ort und helfen den Heimatreisenden bei der Suche ihres alten Hauses oder Elternhauses. Bei HeimatReise steht am Ende einer gelungenen Fahrt die Erkenntnis, dass es eine „gemeinsame Geschichte gibt, die nach 1945 weiter geht. Das Leben in den Gehöften geht weiter, beide Zeitphasen sind für beide Seiten interessant, man tauscht sich darüber aus, die Geschichte wird zusammengesetzt“ sagt Matthias Diefenbach, Leiter der HeimatReise-Agentur.

Anfang der 2000er Jahre brachte die Vertreibungsthematik schlechte Stimmung in die deutsch-polnischen Beziehungen. Einerseits der bevorstehende EU-Beitritt Polens, andererseits die Scharfmacher der Preußischen Treuhand mit ihren Entschädigungsklagen und der Bund der Vertriebenen mit seiner Idee einer in Berlin angesiedelten Ausstellung Zentrums gegen Vertreibungen. „Wir haben uns gefragt: wie können wir mit diesem Vertreibungsthema versöhnlich umgehen“ sagt die damalige Koordinatorin Jacqueline Nießer, eine von mehreren StudentInnen in Frankfurt (Oder), die etwas unternehmen wollten. Zur konkreten Idee führte ein Zufall: Dozent Felix Ackermann begleitete die Familie eines Schulfreundes zur Spurensuche nach Hinterpommern. Gemeinsam mit seinen Kollegen Jan Musekamp und Mateusz Hartwich entdeckte er das Potential der Idee. Sie entwickelten das Seminar „Fremde Nähe“ zur Geschichte der ehemaligen Neumark vor und nach 1945, die Veranstaltungsreihe „Terra Transoderana“ zu Heimat, Vertreibung und Erinnerung und das Projektseminar „HeimatReisen“.

Die StudentInnen werden zu Reiseleitern ausgebildet: sie recherchieren in Archiven und sprechen mit Zeitzeugen. (Foto: Caroline Mekelburg)

Die StudentInnen werden zu Reiseleitern ausgebildet: sie recherchieren in Archiven und sprechen mit Zeitzeugen. (Foto: Caroline Mekelburg)

Das Curriculum für die ReisebegleiterInnen beinhaltete Sprach- und Landeskenntnisse, interkulturelle Kommunikation und Projektmarketing. Denn ihre Aufgaben gingen weit über das historische Wissen hinaus: „Wir sind kaum Geschichtsreiseführer, dafür müssen wir aber um so mehr in den Alltag und die heutige politische, gesellschaftliche Lage Polens einführen und diese erklären“ beschrieb ein Reisebegleiter seine Rolle. Im Mittelpunkt stand die Begegnung zwischen den früheren und heutigen BewohnerInnen. „Der Besondere Ansatz von HeimatReisen war der Versuch, sich der Vertriebenengeschichte über den menschlichen Zugang zu nähern. Individuelle Geschichten sind weniger institutionalisiert, politisch aufgeladen oder ideologisiert“ sagt Jacqueline Nießer.

Auf ihrer Exkursion in die Neumark kommen die Studierenden auch durch das sprichwörtlich gewordene Klein Posemuckel, auf polnisch: Podmokle Małe. (Foto: Caroline Mekelburg)

Auf ihrer Exkursion in die Neumark kommen die Studierenden auch durch das sprichwörtlich gewordene Klein Posemuckel, auf polnisch: Podmokle Małe. (Foto: Caroline Mekelburg)

Mehrere Zeitungsartikel über HeimatReisen, die in Fach- und Regionalzeitungen, aber auch in Spiegel, Bild und Welt erschienen, waren die beste Werbung: „Die Artikel werden ausgerissen und noch nach Jahren kommen die Leute damit an“ sagt Reisebegleiter Matthias Diefenbach. Eine öffentliche Förderung für das wirtschaftlich agierende Projekt gab es nicht. Nur 2006 wurde eine Stelle finanziert, die die Professionalisierung und Ausgründung aus dem Vereinsbetrieb des Instituts für angewandte Geschichte e.V. ermöglichen sollte. „Nachdem wir alles durchgerechnet hatten, wurde damals leider klar, dass sich das Konzept wirtschaftlich schlecht tragen wird. Wir waren aber froh, dass es eine Perspektive für die Idee gibt.“ ist Jacqueline Nießers positive Bilanz. Bei Gründung der Firma 2008 arbeiteten etwa zehn Leute mit, seit 2015 ist HeimatReise ein Angebot selbstständiger ReisebegleiterInnen. Die Methode von HeimatReise hat laut Matthias Diefenbach die Chance auch in anderen Regionen angewandt zu werden: „Überall dort, wo durch Krisen Menschen ihre Heimat verlieren und nach Jahren auf Spurensuche sind.“

von 2004 bis 2008, Lebuser Land, Ermland, Masuren, Schlesien
Gespräch mit Matthias Diefenbach und Jacqueline Nießer
Träger transkultura e.V. / Institut für angewandte Geschichte e.V.
Förderer Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt KOWA (in 2006)
Heute HeimatReise – Reisebegleiter (seit 2008)

 

Infos im Netz
HeimatReise: www.heimatreise.eu
Presseberichte: www.heimatreise.eu/presse
Artikel und Berichte: www.transodra-online.net/de/node/1394,
www.transodra-online.net/de/node/1397, www.transodra-online.net/de/node/1399

 

Publikation herausgegeben von:

logo_grau_k75-eu-zentrum_gross logo-instytut-cmyk

 

Gefördert von:
logo_erasmus_plus

»» Peripherie gegen Vertreibungen

Nov 302016
 

Interkulturelle Begegnungsarbeit mit Kleinkindern

Kinder aus Müncheberg und Witnica bauen ein Schiff und fahren nach Brüssel.

Die Kinder aus Witnica und Müncheberg spielen zusammen auf den Erzählnachmittagen.

Die Kinder aus Witnica und Müncheberg spielen zusammen auf den Erzählnachmittagen.

In der Heimatstube im städtischen Kulturhaus von Witnica (Vietz) sind die Koffer zweier Familien ausgestellt: einer deutschen Familie, die 1945 aus dem damaligen Vietz fliehen musste und einer polnischen Familie, die aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten nach Kriegsende in das nun polnische Witnica kam. Aus dieser Geschichte entsteht das erste von sechs gemeinsamen deutsch-polnischen Projekten zweier Kitas aus Nowiny Wielkie und Müncheberg. Ein leerer Märchenkoffer wird mit selbst ausgedachten Geschichten gefüllt, die sich die Kinder gegenseitig erzählen und vorspielen. Schauspieler und Regisseur Cezary Żołyński verwendet bei den Märchen, die er für das Projekt entwickelt Motive aus der Geschichte der Region, wie den Reisekoffer, die die Kinder wieder erkennen können.

Die Heimatstube gründete der Initiator der Witnicer Lokalgeschichtsforschung, der Sozialpädagoge und Historiker Zbigniew Czarnuch. Er initiierte die Zusammenarbeit mit ehemaligen Vietzern, bereits 1985 gründete er den Verein Freunde Witnicas. 1998 folgte der Deutsch-polnische Verein Educatio pro Europa Viadrina, der Bildung verstärkt in den Fokus rückte und Träger der Märchenprojekte der Kitas in Nowiny Wielkie und Müncheberg wurde. Grundlage für Czarnuchs Arbeit war die Erkenntnis, dass die deutsche und polnische Geschichte der Region gleichberechtigt nebeneinander erzählt werden müssten, damit Verständigung und Aussöhnung möglich sind. Auch Grażyna Aloksa, Leiterin der Kita Mitte der Welt in Nowiny Wielkie, wurde von Zbigniew Czarnuchs Arbeit inspiriert. Sie fragte sich: Können sich deutsche und polnische Kinder so begegnen, wie die älteren Deutschen und Polen auf Czarnuchs Exkursionen?

Die Kinder bauen gemeinsam ein großes Schiff aus Bausteinen.

Die Kinder bauen gemeinsam ein großes Schiff aus Bausteinen.

Das Märchen von der „Arche der guten Nachricht“, das zweite gemeinsame Kita-Projekt 2002, endete mit der Aufgabe, ein Schiff zu bauen. So wie einst der Märchenkönig sollten die Kinder die verlorenen guten Nachrichten suchen. Sie erzählten einander aus ihrem Leben: Was gibt es bei Euch für gute Nachrichten? Das schrieben sie auf Zettel und sammelten die Geschichten in einer aus Spielsteinen gebauten Arche. Das Bauen an einem richtig großen Schiff machte Spaß und die Idee wurde mit den Kindern weiterentwickelt. Tatsächlich fand Grażyna Aloksa eine polnische Firma, die speziell Bausteine für den Bootsbau anfertigte und sponserte.

Ein „Märchen wird wahr“ als die Kinder nach Brüssel fahren und den EU-Beitritt Polens feiern.

Ein „Märchen wird wahr“ als die Kinder nach Brüssel fahren und den EU-Beitritt Polens feiern.

So ging die Arche mit insgesamt 70 Kindern, ErzieherInnen und Eltern 2004 auf große Reise durch die beteiligten Kitas in Gniezno (Woiwodschaft Großpolen), Nowiny Wielkie (Lubuskie), Müncheberg (Brandenburg) und Druten (Niederlande) nach Brüssel. Am 1. Mai 2004, dem Tag des EU-Beitritts Polens, stand die Arche dann auf dem Grand Place in Brüssel. So wurde das Märchen wahr, wie auch das Heft titelte, das die Geschichte des Projektes erzählt.

Dass die deutsch-polnischen Kita-Projekte erfolgreich verliefen, ist einem guten Zusammenspiel von Akteuren, Gemeinde und Politik zu verdanken sagt Grzegorz Załoga, Mitglied im Verein Educatio pro Europa Viadrina. Von 1991 bis 2014 leitete ein Bürgermeister die Gemeinde, „diese politische Kontinuität war sehr wichtig.“ Genauso entscheidend war, dass deutsch-polnische Projekte damals unkompliziert gefördert wurden. Der Kontakt zur Kita Müncheberg kam 1998 über die Städtepartnerschaft zustande und wurde dann jahrelang von den PädagogInnen „mit Leben erfüllt“.

In Witnica scheint es einen Generationenwechsel zu geben: Die Zeit, in der die Witnicer Polen „deutsch-polnische Bildungsarbeit aus einem Schuldbewusstsein heraus machten“ sei vorbei, sagt Grażyna Aloksa. Sie sucht nach neuen Formen der Annäherung und konzentriert sich mit den Kindern auf die Zukunft. „Es muss jetzt stärker auf das regionale Interesse an Heimat gesetzt werden – beidseits der Oder. Das Thema Heimat ist stärker als das der Versöhnung.“

von 2000 bis 2006 in Nowiny Wielkie und Müncheberg
Gespräch mit
Grażyna Aloksa und Grzegorz Załoga
Träger
Deutsch-Polnischer Verein Educatio pro Europa Viadrina, die Kitas Spatzennest in Müncheberg (D) und Mitte der Welt in Nowiny Wielkie (PL)
Förderer
Euroregion Pro Europa Viadrina, Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit (SdpZ), Stadt/Gemeinde Witnica und andere

 

Infos im Netz
Verein Educatio Pro Europa Viadrina: www.educatio.witnica.pl
Miejski Dom Kultury in Witnica: www.mdk.witnica.pl
Über Zbigniew Czarnuch und das Heimatmuseum: www.transodra-online.net

 

Publikation herausgegeben von:

logo_grau_k75-eu-zentrum_gross logo-instytut-cmyk

 

Gefördert von:
logo_erasmus_plus

 

»» Märchen aus dem Grenzland

Nov 102016
 

Ein Zug fährt durch das Dreiländereck

In den Zug und auf die Bühne mit dem Kulturprogramm der deutschen, polnischen und tschechischen Jugendlichen, sagten sich die Macher von Bahnhof Europa. Sie bringen mit künstlerischen Werkstätten Jugendliche aus dem Dreiländereck zusammen.

Jugendliche touren mit ihrem Kulturprogramm 2002 durch die Bahnhöfe Liberec (Reichenberg), Görlitz-Zgorzelec, Jelenia Góra (Hirschberg), Kamienna Góra (Landeshut), Wrocław (Breslau), Prag, Turnov (Turnau) und Zittau.

Jugendliche touren mit ihrem Kulturprogramm 2002 durch die Bahnhöfe Liberec (Reichenberg), Görlitz-Zgorzelec, Jelenia Góra (Hirschberg), Kamienna Góra (Landeshut), Wrocław (Breslau), Prag, Turnov (Turnau) und Zittau.

Ein Zug fährt im Jahr 2002 durch das Dreiländereck Polen, Tschechien und Deutschland. Darin sitzen 70 Jugendliche aus der Region, Teamer und ein riesiges Arsenal an Bühnentechnik. Das Ziel: Die Projekte vorzustellen, die sie in den letzten Monaten in trinationalen Werkstätten in Großhennersdorf, Niedamirow und Lemberk entwickelt haben. „Wir wollten ein politisches Signal setzen“, so Grzegorz Potoczak, polnischer Leiter des Projektes, im Jahr der finalen EU-Beitrittsverhandlungen Polens und Tschechiens. Bereits seit 1993 arbeiten die Partner aus Niederschlesien, Nordböhmen und Sachsen zusammen, doch „die Sichtbarkeit der Ergebnisse geht kaum über die Seminarhäuser und die unmittelbare Umgebung hinaus“. Die Frage, die sich die Initiatoren stellten war: Wie können wir die tollen Ergebnisse einer größeren Öffentlichkeit präsentieren? „Wir wollten zeigen: Das sind wir, junge Leute, die hier im Grenzraum was gemeinsam tun“ sagt Frank Rischer, Leiter der Begegnungsstätte in Groß Hennersdorf.

Aus einem Musikworkshop entsteht das Beatorchester Olga batikt T-Shirts, sie begleiten das Kulturprogramm und nehmen eine CD auf.

Aus einem Musikworkshop entsteht das Beatorchester Olga batikt T-Shirts, sie begleiten das Kulturprogramm und nehmen eine CD auf.

Die didaktische Arbeit der drei Vereine folgte dem Credo: alles kommt aus den Jugendlichen selbst, nichts wird vorgegeben. In der großen Gruppe entwickelten sie zuerst ihre Ideen: der Bahnhof als ein Treffpunkt von unterschiedlichen Lebenswegen und Menschen, die unterwegs sind und Erfahrungen sammeln. Im Dokumentarfilm „Bordercrosser“ interviewte die Filmgruppe Menschen und Grenzgänger zum Thema Vertreibung, beschäftigte sich mit Kamera, Ton und Filmschnitt. In Anlehnung an Romeo und Julia entstand das Theaterstück „Romeo und Julia auf dem Bahnhof“ dazu schrieb die Band „Olga batikt T-Shirts“ die Musik und spielte live bei den Aufführungen. Das Ganze auf großer Bühne zu präsentieren gab ein gutes Gefühl und zusätzliche Motivation für die Jugendlichen.

Das Theaterstück „Romeo und Julia auf dem Bahnhof“ entwickeln die Jugendlichen selbst nach der berühmten Vorlage.

Das Theaterstück „Romeo und Julia auf dem Bahnhof“ entwickeln die Jugendlichen selbst nach der berühmten Vorlage.

Das Projekt Bahnhof Europa war Produkt einer Entwicklung, die nicht geplant war, die aus einer Art „Zeitgeist“ entstand, erinnert sich Grzegorz Potoczak. Die Initiative warb damals die Jugendlichen in freien Ausschreibungen an Schulen. Ende der 1990er Jahre entstand daraus eine Art Stammgruppe. Die Jugendlichen hatten die kommunistischen Systeme als Kinder noch erlebt, es wurde zu Hause viel darüber gesprochen. Die Grenzen waren im Gegensatz zu heute noch „wirkliche Grenzen“, man musste seine Pässe vorzeigen, jeder Ausflug zu Partnern in den anderen Ländern war eine echte Auslandsreise. Dagegen war das Bedürfnis nach Veränderung, einem „normalen, freien Leben“ groß. Die Jugendlichen aus kleinen Dörfern und Städten der Grenzregion zog noch etwas Anderes an: War das Ziel der Initiatoren die Begegnung, die Auseinandersetzung mit dem Fremden, dem Anderen, war das Mittel dazu die Beschäftigung mit Medien und die künstlerische Arbeit: Die Möglichkeiten mit Filmtechnik zu arbeiten, mit Videoschnitt, Soundbearbeitung, Fotografie und die Zusammenarbeit mit KünstlerInnen und ExpertInnen, die in ihrem Beruf erfolgreich sind.

Das Filmteam dreht die Dokumentation „bordercrosser“. Viele TeilnehmerInnen suchen nach dem Projekt ihren beruflichen Weg im Medien- und Kulturbereich.

Das Filmteam dreht die Dokumentation „bordercrosser“. Viele TeilnehmerInnen suchen nach dem Projekt ihren beruflichen Weg im Medien- und Kulturbereich.

Die TeilnehmerInnen trafen sich 2012 wieder, viele von ihnen sind bei dem geblieben, was sie bei Bahnhof Europa gelernt haben. Zwei TeilnehmerInnen von damals arbeiten heute als WerkstattleiterInnen im neuen Bildungsprojekt der Partner Lanterna futuri. „Bei Bahnhof Europa wurde deutlich, was für tolle Ergebnisse und dichte Atmosphäre bei der künstlerischen Arbeit entstehen“ erzählt Frank Rischer. Die drei Vereine konnten so Förderer gewinnen und ihre Arbeit mit 18 festen Partnerschulen verstetigen. In Musik-, Theater-, Film- und Fotowerkstätten entwickeln die Jugendlichen heute Ideen zu Themen wie „Wem gehört die Welt? Uns, den Fremden oder allen?“, „Europa – quo vadis“ oder „Erkenne Dich selbst“.

Die Grenzen sind zwar durchlässiger und weniger sichtbar geworden, doch der Region hat das keinen wirtschaftlichen Aufschwung gebracht. Die ökonomischen Unterschiede sind nicht mehr so spürbar wie damals, aber es gibt weiterhin zu wenig grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Bis heute kann die teils frustrierende Erfahrung in einem „Nest an der Grenze zu hocken“ nur aufgebrochen werden, so Grzegorz Potoczak, „wenn man auf die andere Seite schaut, was es zusammen für Möglichkeiten gibt“.

 

von 2000 bis 2002 in Großhennersdorf (D), Lemberk (CZE), Niedamirow (PL)
Gespräch mit Grzegorz Potoczak und Frank Rischer
Träger Begegnungszentrum im Dreieck e.V., Dreikulturenhaus Parada, Euroregionales Zentrum Lemberk (Zusammenarbeit seit 1993)
Projektförderung EU-INTERREG-Programm, Deutsch-polnisches Jugendwerk (DPJW), Robert-Bosch-Stiftung und andere
Heute Projekt Lanterna futuri (seit 2004)

 

Infos im Netz
Bahnhof Europa: www.xborder.de
Lanterna Futuri: www.lanternafuturi.net
Dokumentarfilm „Bordercrosser“: www.youtube.com/watch

 

Publikation herausgegeben von:

logo_grau_k75-eu-zentrum_gross logo-instytut-cmyk

 

Gefördert von:
logo_erasmus_plus

»» Bahnhof Europa

Nov 072016
 

Deutsch-polnische Gesprächstreffen in Bad Muskau

Bei unkonventionellen Tandemkursen werden die TeilnehmerInnen einfach aufeinander losgelassen. Alles wird gemeinsam entwickelt und entschieden. Dabei entstehen langjährige Freundschaften.

Gemeinsam lernen in gemütlicher Atmosphäre: Aus den TeilnehmerInnen des Sprachkurses werden Freunde.

Gemeinsam lernen in gemütlicher Atmosphäre: Aus den TeilnehmerInnen des Sprachkurses werden Freunde.

Wojtek Staniewski lässt bei seiner Arbeit in Bad Muskau nicht los, wie sich Polen und Deutsche „als amorphe Masse von Käufern und Verkäufern“ gegenüberstehen und die Sprache des Anderen nicht verstehen. Er fragt sich, wie man zwischen diesen Menschen „echte Gruppenprozesse anregen kann“. In den Treffen, die der Pädagoge entwickelt, sitzen fünf Tandempaare zusammen in einer gemütlichen kleinen Küche beim Kaffeeklatsch. „Mit nur geringer Unterstützung entsteht Kommunikation früher oder später als Konsequenz von Sympathie und Empathie“ sagt Staniewski. Die TeilnehmerInnen dürfen sich mit ihrem Partner in allen Sprachen unterhalten, die sie oder er können. Ist es nicht möglich sich zu verständigen, fragt man einzelne Worte beim Nachbarpaar nach. Wichtig ist allein, ins Gespräch zu kommen: „Alles ist erlaubt, was dazu führt, dass der andere versteht“ sagt Teilnehmer und Organisator Christoph Schneider. Die anything-goes-Methode geht auf. Auch wenn das Ergebnis zunächst ein „Polenmarkt-Kauderwelsch“ sein mag: es ist ein Mittel um „schnell in die lebendige, gesprochene Sprache hineinzukommen“.

Zusammen unterwegs in der Oderregion: der Tandemkurs beim Picknick in Neuzelle 2011.

Zusammen unterwegs in der Oderregion: der Tandemkurs beim Picknick in Neuzelle 2011.

Die Bildungsstätte Turmvilla Bad Muskau bot den institutionellen Rahmen für die Kurse. In der Nachwende-Aufbruchsstimmung fand Silvester 1990 dort die erste deutsch-polnische Jugendbegegnung statt: ein Konzert mit deutschen und polnischen Bands. Das neu entstandene Deutsch-polnische Jugendwerk (DPJW) förderte ab 1991 zunächst vor allem Jugendbegegnungen in der Turmvilla. Das Muskauer Konzept der „Selbstentwicklung“ wurde auch in den Tandemkursen umgesetzt: Welche Themen die TeilnehmerInnen behandelten, was sie gemeinsam unternahmen entschieden sie selbstständig. Bis zu drei Gruppen trafen sich in dieser offenen Form über Jahre hinweg. Als Staniewskis Stelle endete, übernahmen ehemalige TeilnehmerInnen die Koordination der Kurse. Christoph Schneider, der 2007 in die Turmvilla kam, saß zuerst in einem Sprachkurs, später koordinierte er die Treffen. Als sich viele neue Interessierte meldeten, gründete sich eine eigenständige Gruppe: Die Leute sollten sich erstmal kennenlernen und herausfinden, wer gemeinsame Interessen hat.

Aus den Tandemkursen ist vieles entstanden. „Es gab nach oben hin keine Grenzen“ sagt Christoph Schneider: Gruppen, die sich zu Regionalgeschichte oder Lokalpolitik austauschten – auch Kochen und gemeinsames Essen waren wichtig – Familien, die gemeinsam in den Urlaub fuhren und sich unterstützten, bis hin zu Freundschaften und Partnerschaften. Der Erfolg der Kurse hing damit zusammen, dass daraus „Gemeinschaften derer wurden, die an der Grenze leben“ meint Anett Quint.

Abschlussfahrt nach Lwiw (Lemberg) 2012: ab jetzt machen sich die Kurse nach und nach selbstständig.

Abschlussfahrt nach Lwiw (Lemberg) 2012: ab jetzt machen sich die Kurse nach und nach selbstständig.

Bis heute gibt es die aus den Tandemkursen entstandenen privaten Initiativen. Als 2012 die Koordination durch die Turmvilla ausläuft, fahren die TeilnehmerInnen auf Abschlussfahrt nach Lwiw (Lemberg). Seitdem treffen sich zwei feste Gruppen von etwa 10 Leuten in Eigenregie: zu Hause, im Muskauer Park oder im Kulturhaus in Łęknica. Sie laden Übersetzer zur Unterstützung ein, wenn sie sprachliche Nuancen verstehen möchten. Auch wenn man die Nachbarsprache nicht perfekt beherrscht, können Freundschaften und intensive Begegnungen entstehen.

Aus einer „Clique von jungen Leuten, die in der Region etwas machen wollen“ und sich aus den Tandemkursen kennen, gründet sich 2015 der Verein MusKnica e.V., erzählt Christoph Schneider. Die zwei Kurse lehnen die Trägerschaft ihrer Treffen durch den Verein zwar ab, doch „das ist ein schönes Zeichen, weil wir sehen, dass unsere Arbeit, die auf Verselbständigung zielte, Früchte trägt“. Der Verein plant eine Ausstellung mit alten und neuen Fotos, Zeitzeugen und ihren Familiengeschichten aus dem nahe gelegenen Trzebiel (Triebel).

Von 2003 bis 2016 in Bad Muskau und Łęknica
Gespräch mit Anett Quint und Christoph Schneider
Träger Turmvilla Bad Muskau e.V. (1990 bis 2012)
Projektförderung EU-INTERREG-Programm „Grenzüberschreitende Zusammenarbeit Sachsen-Niederschlesien“
Heute MusKnica e.V. (seit 2015)

 

Infos im Netz
MusKnica e.V.: musknica@gmail.com, www.lr-online.de/regionen/weisswasser/Geschichten-sollen-Bruecken-bauen

 

Publikation herausgegeben von:

logo_grau_k75-eu-zentrum_gross logo-instytut-cmyk

 

Gefördert von:
logo_erasmus_plus

»» Sprechen lernen beim Kaffeeklatsch

Nov 022016
 

Die Seniorenakademie Frankfurt-Słubice

Eine Vortragsreihe an der Oder entwickelt sich zum Begegnungsprojekt von und für Senioren. Durch das treue Publikum und die gute Zusammenarbeit mit der Frankfurter Hochschule ist die Deutsch-polnische Seniorenakademie seit 16 Jahren eine Institution der Doppelstadt.

Die Deutsch-polnische Akademie ist ein Begegnungsprojekt von und für Senioren aus Frankfurt (Oder) und Słubice.

Die Deutsch-polnische Akademie ist ein Begegnungsprojekt von und für Senioren aus Frankfurt (Oder) und Słubice.

Das Publikum der Seniorenakademie ist ein ungewohnter Anblick an der Frankfurter Hochschule: jeden ersten Dienstag im Monat graue Häupter im Hörsaal, Gehhilfen in der Garderobe und absolute Stille in den Reihen. Die deutsch-polnische Vortragsreihe in der Doppelstadt zu starten ist Henryk Rączkowskis Idee (1931-2013): „Durch Vermittlung von Kenntnissen über die gemeinsame Geschichte, der Kultur beider Länder und weiteren aktuellen Themen trägt sie dazu bei, Vorurteile abzubauen und das nachbarschaftliche Zusammenleben zu fördern.“ so formuliert es das Gründungsprotokoll im Juni 2000. Der erste Vortrag beschäftigt sich mit der „Tausendjährigen Geschichte der Beziehungen zwischen Deutschen und Polen“. 2001 geht es um „Ordnung und Sicherheit im Grenzgebiet“ oder „Die Einführung des Euro in Deutschland und Polen“. Das wichtigste Kriterium ist es, dass die Themen Frankfurter und Słubicer gleichermaßen interessieren.

Die Seniorenakademie lädt seit über 15 Jahren während des Semesters zu Veranstaltungen ein. Im Publikum links sitzt Gründer Henryk Raczkowski (2011).

Die Seniorenakademie lädt seit über 15 Jahren während des Semesters zu Veranstaltungen ein. Im Publikum links sitzt Gründer Henryk Raczkowski (2011).

„Die Seniorenakademie ist eine gesellschaftliche Initiative“ erklärt Eberhard Plehn, heute Vorsitzender des Organisationskomitees. Für die Vortragsreihe können Räume und Technik der Europa-Universität Viadrina und des Collegium Polonicum genutzt werden, abgesehen davon kommen die Aktiven bis heute ohne Fördermittel aus. Der Blumenstrauß für den Gast wird aus eigener Tasche bezahlt, die Dozenten angesprochen, eingeladen, eine Übersetzung organisiert, Programme gedruckt und verteilt – alles ehrenamtlich. Eine Homepage hat die mittlerweile ehrwürdige Frankfurt-Słubicer Institution zwar nicht, „Kraft und die Zeit reichen einfach nicht aus“, aber das System funktioniert: Die Frankfurter Universität bewirbt die Termine über Ihren öffentlichen Veranstaltungskalender, Interessierte erfahren durch lokale Presse und Mundpropaganda von den Veranstaltungen. Über die Jahre entsteht ein fester Zuhörerkreis von etwa 50 Personen.

Ein wichtiger Faktor für kontinuierliche Arbeit der Seniorenakademie liegt wohl darin, dass sie so gut vernetzt ist in Stadt und Universität – man kennt sich einfach. Und Senioren sind ein zuverlässiges Publikum. Auch inhaltlich trägt die Nähe zur Universität zum Erfolg bei. Wenn beispielsweise der Professor im Nachbarbüro der Initiative seinen Vortrag zum Wiederaufbau des Warschauer Schlosses noch einmal in der Seniorenakademie hält. Wie so oft fehlen jedoch Leute, die sich aktiv bei der Themenfindung und Organisation einbringen. „Auch eine Seniorenakademie kann Nachwuchssorgen haben“ schmunzelt Eberhard Plehn. Er selbst habe sich auch nicht um den Vorsitz gerissen, „aber irgendwer muss es ja machen“.

Mitglieder der Seniorenakademie bei einem Treffen mit der polnischen Partnerinitiative Universität des Dritten Lebensalters Gorzow im Mai 2016 (Foto: Carla Skobjin)

Mitglieder der Seniorenakademie bei einem Treffen mit der polnischen Partnerinitiative Universität des Dritten Lebensalters Gorzow im Mai 2016 (Foto: Carla Skobjin)

Trotz aller Schwierigkeiten schaffen es die Aktiven jedes Semester ein interessantes Programm zusammenzustellen und erklären sich immer wieder Referenten bereit, ohne Honorar vorzutragen. Deutsch-polnische Regionalgeschichte war in der Anfangszeit ein Zugpferd für das Publikum. Da gab es Diskussionen, wenn in einem Vortrag über Preußen die polnische Perspektive zu kurz kam. Heute geht es auch mal um Gesundheit im Alter und Umweltschutz. Oder die Abschlussklasse der nahe gelegenen Musikschule spielt auf. Nicht allen sind bestimmte Themen wichtig. Für die Kerngruppe ist die Veranstaltung manchmal einfach ein guter Grund rauszugehen und Bekannte zu treffen. Auch damit übernimmt die Initiative eine wichtige Funktion. „Die große Mehrheit der Frankfurter und Slubicer erreichen wir nicht“ sagt Plehn nüchtern. Aber für diejenigen, die ein offenes Ohr haben und bereit seien sich vorurteilsfrei zu begegnen, für die seien die Veranstaltungen ein wunderbarer Ort.

seit 2000 in Frankfurt (Oder) / Słubice
Gespräch mit Eberhard Plehn
Träger Seniorenrat Frankfurt (Oder) und Seniorenclub Słubice
Förderer Europa-Universität Viadrina, Collegium Polonicum

 

Infos im Netz
Öffentlicher Veranstaltungskalender der Viadrina:
www.europa-uni.de/pressestelle/aktuelles/oeff_veranst/index

 

Publikation herausgegeben von:

logo_grau_k75-eu-zentrum_gross logo-instytut-cmyk

 

Gefördert von:
logo_erasmus_plus

»» Für neue Begegnungen ist es nie zu spät

Okt 252016
 
Das Buch erschien im Juni 2016 im Breslauer Verlag ATUT.

Das Buch erschien im Juni 2016 im Breslauer Verlag ATUT.

Die meisten Städte an der mittleren Oder und Lausitzer Neiße wurden in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs stark zerstört. Bevor sich die neue Verwaltung etabliert hatte, hatten sie Probleme mit der Versorgung, es herrschte Chaos und Rechtslosigkeit. Die zurückkehrende oder angesiedelte Bevölkerung suchte dennoch Entspannung und Ablenkung, und die neue Herrschaft Möglichkeiten der Kommunikation mit der Gesellschaft. Daher entstanden sehr schnell, inmitten der Ruinen, die ersten Kinos.

In den 1950er Jahren, in der Zeit der größten Popularität dieses Mediums, haben wir es mit einer unglaublich interessanten Vielfältigkeit der Orte filmischer Rezeption zu tun – man baute Kinos wie Paläste und zeigte Filme in Kasernen. In den folgenden Jahrzehnten musste das Kino dann mit dem immer populäreren Fernsehen und anderen Freizeitbeschäftigungen um die Zuschauer kämpfen. Dennoch wurde es nach wie vor durch die kommunistischen Diktaturen zu Propagandazwecken genutzt.

Heute sind die oft leeren Gebäude der früheren Kinos als Elemente des deutschen, des europäischen und des sozialistischen Erbes Gegenstand der Reflexion.

Dr. Magdalena Abraham-Diefenbach präsentiert ihre Studie im November in Słubice und Żary. Die Vorträge bieten Stoff für Diskussionen zur aktuellen Situation in Frankfurt (Oder) und Słubice. Bis heute verfallen das Lichstpieltheater der Jugend und die Fassade vom Kino Piast. Als Brüche und Leerstellen im Stadtbild warten sie auf ein neues Konzept der Doppelstadt.

Buchpräsentationen:

3. November 2016, 12:00 Uhr, Słubice, Collegium Polonicum, Raum 11 (in deutscher Sprache)

23. November 2016, 16:00 Uhr, Żary, Museum des Schlesisch-Sorbischen Grenzlandes (Muzeum Pogranicza Śląsko-Łużyckiego) (in polnischer Sprache)

 

Sie können das Buch direkt beim Verlag bestellen: Palace i koszary

ISBN 978-83-7977-132-5

 

»» Paläste und Kasernen. Kino in den geteilten Städten an Oder und Lausitzer Neiße 1945-1989

Okt 242016
 

Die Begegnungsstätte in Kulice

Ein ehemaliges Herrenhaus der Familie von Bismarck wird zu einem Ort deutsch-polnischer Auseinandersetzung mit der Geschichte Westpommerns (Zachodniopomorskie).

Das Gutshaus der Familie Bismarck in Kulice ist heute ein deutsch-polnisches Begegnungszentrum.

Das Gutshaus der Familie Bismarck in Kulice ist heute ein deutsch-polnisches Begegnungszentrum.

Das Besondere an der Arbeit in Kulice ist der historische Ort, an dem sich die Menschen begegnen. Philipp von Bismarck (1913-2006) initiierte in einem ehemaligen Gutshaus der Familie ein deutsch-polnisches Begegnungszentrum. 1994, wenige Jahre nach Öffnung des Eisernen Vorhangs eine Pioniertat, ein „Symbol für die Veränderungen in der Mitte Europas“, besonders von einem Nachfahren des „Eisernen Kanzlers“, der als Unterdrücker der polnischen Nation vielen Polen verhasst ist. Mit Lisaweta von Zitzewitz leitete lange Jahre eine Slawistin die Bildungsstätte, deren Familie selbst aus der Region stammt. Aus ihrer Sicht ein Vorteil für die Beschäftigung mit regionaler Geschichte. „Auch wenn die Deutschen aus anderen Gründen aus ihren Ostgebieten vertrieben wurden als die Polen aus den ihrigen, so waren doch die Folgen für die nächsten Generationen recht ähnlich.“

Rektor Prof. Dr. Edward Włodarczyk, Dr. Pawel Migdalski und Dr. Sławomir Szafrański bei der Eröffnung des Konferenz- Bildungszentrums der Universität Stettin in Kulice März 2016.

Rektor Prof. Dr. Edward Włodarczyk, Dr. Pawel Migdalski und Dr. Sławomir Szafrański bei der Eröffnung des Konferenz- Bildungszentrums der Universität Stettin in Kulice März 2016.

Unter ihrer Leitung konzentrierte sich die Bildungsstätte bei wissenschaftlichen Tagungen, Seminaren und Publikationen auf die deutsch-polnische Geschichte Hinterpommerns, polnisch Westpommerns (Zachodniopomorskie). Die ab 1999 erscheinende Publikationsreihe Külzer Hefte dokumentierte zweisprachig die Vorträge und Diskussionen: so eine „Analyse des Rechtsextremismus in Mecklenburg-Vorpommern und Westpommern“ die das Thema über Nationengrenzen hinweg betrachtet oder „Heimat Pommern – einst und jetzt“ mit kritischen Beiträgen zum Heimatbegriff. 2002 ging der Besitz des Hauses in die Hände der Universität Stettin über. Die Universität sicherte der Akademie Nutzungsrechte zu, 2013 wurde die Zusammenarbeit jedoch konfliktreich beendet. In der Zukunftswerkstatt „Quo vadis Kulice?“ wurde 2014 seitens der Universität Stettin ein neues Bildungsstättenkonzept entwickelt.

Konferenz „Das neue Grenzgebiet - 25 Jahre Dialog“ im Juni 2016. Es diskutieren Dr. Pierre-Frederic Weber (Universität Stettin), Prof. Dr. Jörg Hackmann (Moderation), Michael Kurzwelly (Słubfurt, New America) und Robert Ryss (Gazeta Chojeńska).

Konferenz „Das neue Grenzgebiet – 25 Jahre Dialog“ im Juni 2016. Es diskutieren Dr. Pierre-Frederic Weber (Universität Stettin), Prof. Dr. Jörg Hackmann (Moderation), Michael Kurzwelly (Słubfurt, New America) und Robert Ryss (Gazeta Chojeńska).

Kulice liegt im erweiterten Grenzland, hat aber mit seiner Gründung unter besonderen Vorzeichen und langjähriger Arbeit mit Tagungen, Publikationen und Bildungsreisen eine Strahlkraft in der Region entwickelt und ist wie viele Bildungsstätten zu einem Zentrum im Grenzland geworden. Das Mittel der Annäherung und Aussöhnung ist die gemeinsame, kritische Aufarbeitung der deutsch-polnischen Geschichte der Region. Dieser Weg ist im Grenzland schon oft erfolgreich gewesen. Die Mischung aus Initiatoren, die ihre biografische Erfahrung einbringen, offen sind für die Perspektiven des Anderen und dem universitären Anschluss an aktuelle nicht nur historische Debatten mit jungen Wissenschaftlern, machten und machen die Besonderheit von Kulice aus.

Nach dem institutionellen Bruch soll es nun unter der Trägerschaft der Universität Stettin weiter gehen. Seit Januar 2016 finden wieder vereinzelt Tagungen, Seminare und öffentliche Kulturveranstaltungen in Kulice statt. Bei der Konferenz im Juni „Das neue Grenzgebiet – 25 Jahre Dialog“ zum 25. Jahrestag des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags waren Grenzland-Initiativen zu Gast, die über ihre transnationale Arbeit berichteten.

 

Von 1995 bis 2012, neu eröffnet 2015 in Kulice
Gespräch mit Stephan Felsberg und Pawel Migdalski
Träger Europäische Akademie Külz-Kulice, Verein zur Förderung der deutsch-polnischen Zusammenarbeit e.V. (bis 2013)
Projektförderung Deutsche Bundesregierung, Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit (SdpZ) und weitere
Heute Träger: Universität Stettin (Szczecin), Verein Akademia Kulice

 

Infos im Netz
Europäische Akademie Külz-Kulice: www.kuelz.pl
åBildungs- und Konferenzzentrum Kulice: www.kulice.usz.edu.pl

 

Publikation herausgegeben von:

logo_grau_k75-eu-zentrum_gross logo-instytut-cmyk

 

Gefördert von:
logo_erasmus_plus

»» Quo vadis, Kulice?

Okt 192016
 
Das Parlament der Stadt Słubfurt

In der utopischen Stadt Słubfurt gibt es seit 2009 das erste binationale Parlament. Seit 2014 sind auch Asylsuchende dabei – aus dem deutsch-polnischen Kunstprojekt wächst derzeit ein internationales Netzwerk.

Die ersten Słubfurter Parlamentswahlen 1999: Kandidaten und Parteien stellen sich vor (Foto: Jonatan Kurzwelly)

Die ersten Słubfurter Parlamentswahlen 1999: Kandidaten und Parteien stellen sich vor (Foto: Jonatan Kurzwelly)

2009 finden die ersten Parlamentswahlen von Słubfurt statt. Jura-Studenten der Europa-Universität Viadrina schreiben das Wahlrecht, Parteien können nur von mindestens zwei Słubern und zwei Furtern gegründet werden, es muss beidseits der Oder ein Wahllokal aufgesucht werden… Letztlich treten sechs Parteien und ein unabhängiger Kandidat an, hunderte Wahlplakate werben in der Doppelstadt und der fließende Übergang von Kunstaktion zu tatsächlicher politischer Teilhabe ist für viele unverständlich und faszinierend zugleich.

Bereits seit 1999 sind Frankfurt (Oder) und Słubice zusammen Słubfurt. „Die Stadt, die zur Hälfte in Polen und Deutschland liegt setzt sich zusammen aus den beiden Stadtteilen Słub und Furt, die rechts und links der Oder liegen“, so beschreibt es Initiator und Ideengeber Michael Kurzwelly. Er gründete Słubfurt als Kunstprojekt, heute ist es eine Melange aus deutsch-polnischem Netzwerk, Solidargemeinschaft und Projektplattform. Ein erstes „Zuhause“ für seine Ideen bekam das Projekt 2013 auf dem Brückenplatz / Plac Mostowy, einer innerstädtischen Brache nahe der Grenzbrücke. Seit 2016 tagt das Słubfurter Parlament nun in einer alten Turnhalle mit Garten – diesmal vielleicht für länger.

Im Herbst 2014 gründen Alt- und Neu-Słubfurter einen Chor (Foto: Uta Kurzwelly)

Im Herbst 2014 gründen Alt- und Neu-Słubfurter einen Chor (Foto: Uta Kurzwelly)

Basis für neue Projektideen ist das Parlament, das unregelmäßig tagt. 2014 entstanden viele Projekte zusammen mit Asylsuchenden. Alt- und Neu-Słubfurter gründeten zunächst einen Chor, daraus entwickelten sich weitere Projekte: das Begegnungs-Café Blabla, ein Fahrradverleih und das Repair-Café, eine Selbsthilfewerkstatt. An einer improvisierten Pinnwand an der Sprossenwand der Turnhalle hängen noch mehr Ideenskizzen: ein Graffiti-Workshop, Matsch-Spielplatz oder Gebetsraum für Muslime und andere Glaubensrichtungen. Mit der Einbindung der neuen BewohnerInnen der Doppelstadt werden die Strukturen im Słubfurter Parlament aber auch komplexer: Die Simultanübersetzung funktioniert bisher gut, nun kommen neue Sprachen dazu, etwa Arabisch und Farsi. So werden die Parlamentssitzungen langwierig und manchmal auch langweilig. Gerade läuft ein Versuch, dass sich kleine Flüstergruppen bilden können, die parallel an eigenen Themen arbeiten.

Repair-Café: In der Selbsthilfewerkstatt reparieren Freiwillige defekte Fahrräder und Möbel (Foto: Michael Kurzwelly)

Repair-Café: In der Selbsthilfewerkstatt reparieren Freiwillige defekte Fahrräder und Möbel (Foto: Michael Kurzwelly)

„Bei großen Festen erreicht Słubfurt die meisten Menschen“ sagt Kurzwelly. Es sei aber nach wie vor schwierig, Leute zu finden, die Verantwortung für Projekte übernehmen. Oft passiert es dem charismatischen Künstler, dass die Leute erwarten er, Kurzwelly, würde ihre Projektideen für sie umsetzen, dabei soll nicht der Eindruck entstehen, dass Słubfurt eine Monarchie ist. Doch prägt Kurzwelly die Arbeit des Vereins seit 17 Jahren. Seine Bekanntheit und Ausdauer führt auch zu dem Vertrauen, das Förderer dem Projekt entgegenbringen. Adam Poholski, Selbstständiger und heute Vorsitzender des Vereins, arbeitet an Kurzwellys Seite und soll in Zukunft mehr Aufgaben übernehmen. Neue Unterstützer findet Michael Kurzwelly auch unter den StudentInnen in seinen Seminaren an der Europa-Universität Viadrina.

Brueckenplatz / Plac Mostowy 2.0

Brückenplatz / Plac Mostowy 2.0

Der neue Brückenplatz / Plac Mostowy 2.0 in der Turnhalle mit Café, Blumenbeeten und Volleyballplatz soll weiter ausgebaut werden. Doch der Winter naht und die Fernwärme ist aus Kostengründen abgeklemmt. Da der Verein von Seiten der Stadt Frankfurt (Oder) verpflichtet ist die Räume instand zu halten und im Winter vor Feuchtigkeit zu schützen, werden von den Projektgeldern zwei Ölradiatoren gekauft und die Arbeit im Winter heruntergefahren. Der nächste wichtige Schritt für die Initiative ist „auf den neuen Ort aufmerksam zu machen“, so Kurzwelly, damit es im nächsten Sommer weitergeht mit Open Air Kino, Begegnungscafé, Boule und Beach-Volleyball, Konzerten und Workshops.

von 2009 bis 2016 in Frankfurt (Oder) und Słubice
Gespräch mit Michael Kurzwelly
Träger Słubfurt e.V. (1999)
Projektförderung Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur (MFWK) Brandenburg, Stadt Frankfurt (Oder), Fonds Soziokultur, EU-INTERREG und andere.

 

Infos im Netz
Słubfurt:  www.slubfurt.net, www.parlament.slubfurt.net, www.radio.slubfurt.net
Seit 2010 ist Słubfurt die Hauptstadt von Nowa Amerika: www.nowa-amerika.eu
Ethnologische Studie über Słubfurt: euroethno.hu-berlin.de/archiv/studienprojekte/other_europes
Brückenplatz / Plac Mostowy 2.0:
www.facebook.com/brueckenplacmostowy

 

Publikation herausgegeben von:

logo_grau_k75-eu-zentrum_gross logo-instytut-cmyk

 

Gefördert von:

logo_erasmus_plus

»» Fiktion oder Wirklichkeit?

Okt 112016
 
Görlitz-Zgorzelec 2006 - 2016 (Foto: Atelier Limo)

Görlitz-Zgorzelec 2006 – 2016 (Foto: Atelier Limo)

Die letzten 25 Jahre waren ein Glücksfall für die deutsch-polnische Grenzregion, gewissermaßen ein Höhepunkt in 1000 Jahren deutsch-polnischer Beziehungen.

Unzählige Schüleraustauschprogramme, Städtepartnerschaften, Studienreisen, Jugendbegegnungen, Seniorentreffs, Zeitzeugen- und Geschichtsprojekte, interkulturelle Seminare und Sprachlernkurse bilden seit Beginn der 1990er Jahre neben Einkaufstourismus und Arbeitsmigration das Salz in der Suppe einer zum Leben erwachten Grenzregion.

Das Europäische Zentrum für transnationale Partizipation (EZTP) und das Institut für angewandte Geschichte stellen eine Auswahl dieser Aktivitäten in einer Online-Serie vor. Die Formate aus den verschiedenen Oderregionen zeigen die inhaltliche und methodische Vielfalt der Projektlandschaft. Auf den Seiten von Zentrum (Silberhochzeit-Srebrne gody) und Institut (Silberhochzeit – Srebrne gody) finden sie die Projektberichte online in deutsch und polnisch.

Die Online-Serie erschien im März 2017 auch als Buch.

Die Online-Serie erschien im März 2017 auch als Buch.

Die Online-Serie erschien im März 2017 auch als Buch. Die zweisprachige Publikation versammelt die 17 Projektberichte ergänzt durch einleitende Texte von Stephan Felsberg und Christopher Lucht. Die dokumentarischen Fotografien von Atelier Limo zeigen den Alltag einer Grenzregion im Umbruch Anfang der 2000er Jahre.

Die Silberhochzeit-Publikation ist gegen Erstattung von Versandkosten erhältlich. Das Buch kann per Email bei Maria Schlüter (m.schlueter@instytut.net) bestellt werden.

 

 

 

 

 


Das Institut für angewandte Geschichte e.V. ist seit Oktober 2014 Partner im Europäischen Zentrum für transnationale Partizipation (EZTP). Das Zentrum fördert und stärkt die Entwicklung und den Ausbau zivilgesellschaftlichen Engagements und transnationaler Mitgestaltung in der deutsch-polnischen Grenzregion.

Eine Aufgabe des Zentrums ist die wissenschaftliche Erforschung transnationaler außerschulischer Bildungsarbeit. In Kooperation mit Forschungseinrichtungen sollen Qualitätsstandards und Besonderheiten der transnationalen Projektarbeit erarbeitet werden. In diesem Rahmen entstand die Idee, gemeinsam die wichtigsten zivilgesellschaftlichen Projekte der letzten 25 Jahre aus der deutsch-polnischen Grenzregion auszuwählen und in einer Publikation vorzustellen.

Weitere Informationen zum Zentrum und den Projekten auf der Webseite des EZTP :
participation-transnational.eu

Fragen und Anmerkungen bitte an Maria Schlüter: m.schlueter@instytut.net

Träger
Schloß Trebnitz Bildungs- und Begegnungszentrum e.V.

Partner
Institut für angewandte Geschichte e.V.
Fundacja Rozwoju Demokracji Lokalne (Stiftung zur Stärkung der lokalen Demokratie)
Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung
Universität Hamburg
Adam-Mickiewicz-Universität Posen
Landkreis Gorzów Wielkopolski
Landkreis Märkisch-Oderland
Europaschule Forst
Zespół Szkół Boleszkowice (Schulverbund Boleszkowice)

Förderer

Erasmus plus

logo_grau_k75-eu-zentrum_gross logo-instytut-cmyk

logo_erasmus_plus

»» Silberhochzeit – Srebrne gody. 25 Jahre deutsch-polnische Begegnungen