Mrz 012017
 

Ein marodes Kino erobert die Herzen

Ein altes Kino in Słubice fand Liebhaber vor allem unter den Studierenden der Doppelstadt. Mit Diskussionen und Filmfestivals machten sie auf die Geschichte des Kinos und den kulturellen Wert der in der Region einmaligen Art-déco-Fassade aufmerksam.

Der Filmpalast Friedrichstraße wurde in den 1920er Jahren in der Frankfurter Dammvorstadt gebaut und 1947 im polnischen Słubice als Kino Piast wiedereröffnet (Foto: Eckard Reiß, 1967).

Der Filmpalast Friedrichstraße wurde in den 1920er Jahren in der Frankfurter Dammvorstadt gebaut und 1947 im polnischen Słubice als Kino Piast wiedereröffnet (Foto: Eckard Reiß, 1967).

„Das einzige Słubicer Kino“ hat es besonders unter den Viadrina-StudentInnen zu „bescheidenem Ruhm gebracht“, steht in einem Nachruf auf das 2005 geschlossene Kino Piast. Der Filmpalast Friedrichstraße, in den 1920er Jahren in der Frankfurter Dammvorstadt erbaut, wird 1945 zu Kriegsende geplündert, doch schon 1947 im nunmehr polnischen Słubice wiedereröffnet und nach der ersten polnischen Königsdynastie der Piasten benannt, deren Einflussbereich im 10. bis 13. Jahrhundert der Westausdehnung Polens nach 1945 ähnelte. Unzählige Hotels, Kinos, Museen und Straßen tragen in Westpolen diesen Namen, um die Westverschiebung des Landes nach den Beschlüssen der Alliierten auf der Potsdamer Konferenz 1945 historisch zu legitimieren. In den 1970er Jahren pilgern auch einige Frankfurter zu Filmvorführungen ins Piast, da im kulturpolitisch etwas offeneren Polen Hollywoodproduktionen gezeigt werden, die in der DDR nicht in die Kinos kommen.

Auch nach der Wende wurden im Piast, dem einzigen Kino in Słubice und Umgebung, Filme gezeigt. Durch das Hochwasser 1997 wurde das Kino allerdings spürbar maroder. Man „mokierte sich über den penetranten Geruch der Räumlichkeiten“, noch Stunden nach dem Kinobesuch hatte man den Geruch in der Kleidung. Doch die StudentInnen mochten den kuriosen und legendären Veranstaltungsort in Słubice. Der Pächter bot unter dem Art-déco-Portal auch Gemüse und Blumen an, um den Filmvorführbetrieb zu finanzieren. Noch 2003 organisierten Studierende dort den grenzüberschreitender Ableger des FilmFestivals Cottbus – Festival des osteuropäischen Films. Doch wenig später wurde das Kino an einen privaten Investor verkauft und damit eines der wenigen historisch bedeutenden Gebäude in Słubice zum Spekulationsobjekt. Am 25. Februar 2005 schloss das Kino Piast mit der Vorstellung des Films „Final Call“.

Studierende der Oderstadt mochten den kuriosen Ort und setzen sich gegen den geplanten Abriss ein.

Studierende der Oderstadt mochten den kuriosen Ort und setzen sich gegen den geplanten Abriss ein.

2009 wurde bekannt, dass das alte Kinogebäude abgerissen werden soll. Dagegen formierte sich in Słubice und Frankfurt (Oder) Widerstand. Die Frankfurter Studierendeninitiative Institut für angewandte Geschichte e.V. fragte beim Wojewoden in Gorzów (Landsberg an der Warthe) nach, ob man den Abriss nicht verhindern könne. Zusammen mit dem Słubicer Kulturhaus SMOK und anderen AktivistInnen sammelte der Verein Unterschriften und organisierte eine öffentliche Diskussion über die Zukunft des Kinos, auch eine Mitarbeiterin des Denkmalschutzamtes nahm daran teil. Das Amt entschied einige Monate später, zumindest die Art-déco-Fassade unter Denkmalschutz zu stellen. Wenig später tauchte in der Regionalzeitung Gazeta Lubuska eine Annonce auf: „Verkaufe Kino Piast“. Doch zu einem Verkauf kam es nicht. Später bemühten sich die Besitzer des Grundstücks um die Streichung der Fassade von der Denkmalliste. Studierende des Masterstudiengangs Schutz Europäischer Kulturgüter an der Europa-Universität Viadrina gründeten die Facebook-Seite Save Kino Piast. Bis heute posten die BetreiberInnen dort Neuigkeiten über das Schicksal des Kinogebäudes und Informationen über die regionale Kinogeschichte.

Trotz aller Bemühungen um den Erhalt wurde 2012 der Kinosaal abgerissen. Bei den Bauarbeiten kamen die ersten beiden Buchstaben des Schriftzugs „abhanden“. Die so entstandene Warnung „NO PIAST“ nahmen die AktivistInnen vom Institut für angewandte Geschichte wörtlich und organisierten 2013 das „NO PIAST – Festival eines verlorenen Kinos“ mit Filmen aus dem Kinoprogramm seit 1924. Sie wollten die Diskussion um die Nutzung und den Schutz des lokalen Kulturerbes erneut anregen. „Es war schon etwas besonderes“, meint Historikerin Magdalena Abraham-Diefenbach, die über die Kinogeschichte der Region promovierte: „Wir retteten die Fassade des ‚deutschen‘ Filmpalasts Friedrichstraße der damaligen Frankfurter Dammvorstadt, der aber ein Erinnerungsort von Deutschen und Polen ist“. Das Kino Piast habe immer wieder und weitgehend unabhängig voneinander neue Generationen von Studierenden, FrankfurterInnen und SłubicerInnen mobilisiert, erzählt Nancy Waldmann vom Institut für angewandte Geschichte. Junge Menschen, die selbst nie im Kino Piast einen Film gesehen haben, setzten sich für den Erhalt der Gebäude ein.

Die historische Art-déco-Fassade steht mittlerweile unter Denkmalschutz, doch das Gebäude ist weiterhin Spekulationsobjekt mit unsicherer Zukunft.

Die historische Art-déco-Fassade steht mittlerweile unter Denkmalschutz, doch das Gebäude ist weiterhin Spekulationsobjekt mit unsicherer Zukunft.

Ideen für eine Neueröffnung gab es immer wieder, die deutschen und polnischen AktivistInnen scheiterten bisher vor allem an der Eigentumsfrage. Viele Initiativen haben sich „als Feuerwehr“ engagiert, um Schlimmeres, wie den Abriss der Fassade, zu verhindern. Aber die Kraft reichte bisher nicht für mehr. Das Engagement der Studierenden war bei zeitlich begrenzten Studienprojekten meist von kurzer Dauer. Eine Ausnahme ist Architekturstudent Adrian Mermer aus Wrocław (Breslau). In seiner Abschlussarbeit hat er Entwürfe für den Komplex rund um die alte Fassade des Kino Piast ausgearbeitet. Ihm schwebt ein Kulturzentrum mit Theater, Kino und Café vor: die Fassade rekonstruiert, der Kinosaal modern wieder aufgebaut und als Theaterbühne nutzbar.

Vielleicht gibt es jetzt die Möglichkeit, sich zusammenzuschließen, Ressourcen zu bündeln und einen Antrag zu entwickeln. Grenzüberschreitendes Denken könnte die Lösung sein: In Frankfurt (Oder) verfällt seit Jahren das denkmalgeschützte DDR-Kino Lichtspieltheater der Jugend, auch im Zentrum der Stadt gelegen, auch in der Hand eines auf wertsteigernden Wiederverkauf spekulierenden Investoren. Dort laufen zurzeit Zwangssanierungen der Stadt, da der Eigentümer seiner Pflicht der Substanzerhaltung nicht nachkommt. Auch hier bemühen sich FrankfurterInnen um ein Nutzungskonzept. Das Institut für angewandte Geschichte organisierte 2015 zum 60-jährigen Bestehen des Gebäudes das „Lichtspielfest der Jugend“ mit Spiel- und Dokumentarfilmen aus den 1970er Jahren. Aktuell gibt es eine Ausstellung des Frankfurter Kunstvereins zum Lichtspieltheater. Vielleicht gelingt es allen AkteurInnen, gemeinsam ein Konzept für die Doppelstadt zu entwickeln – ein Kino-Kaffee-Theater Piast in Słubice und ein Museumsbau für DDR-Kunst im Frankfurter Lichtspieltheater. Für den Rückkauf der Grundstücke und deren Sanierung und Umbau müssen allerdings noch viele öffentliche Fördergelder eingeworben werden.

 

seit 2009 in Słubice und Frankfurt (Oder)
Gespräch mit Magdalena Abraham-Diefenbach und Nancy Waldmann
Träger Institut für angewandte Geschichte e.V., Kulturhaus SMOK, Dobro Kultury Stiftung, Masterstudiengang Schutz Europäischer Kulturgüter Europa-Universität Viadrina
Projektförderung Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, Europäischer Fond für Regionale Entwicklung/Small Project Fund, Messe und Veranstaltungs GmbH Frankfurt (Oder) und weitere

 

Infos im Netz
Artikel zur Schließung des Kinos: http://slubice.de/texte/050224.html
Facebook-Seite Save Kino Piast: www.facebook.com/KinoPiast/
Kulturhaus SMOK: www.smok.slubice.pl
Interviews mit Slubicern zum Abriss 2012: www.facebook.com/KinoPiast/videos/
Festival NO PIAST 2013: www.instytut.net/no-piast-festival-des-verlorenen-kinos/
Lichtspielfest der Jugend 2015: www.instytut.net/lichtspielfest-der-jugend/
Buch „Paläste und Kasernen“: www.atut.ig.pl/?1225,palace-i-koszary
Ausstellung „Neue Horizonte“: www.ffkv.info/ausstellung16_08.html

 

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