Sep 222015
 

Unvollendete Autobahn 2007 Foto: Matthias Diefenbach

Zwangsarbeit zwischen Frankfurt (Oder) und Poznań

Die Arbeitslager entlang der Reichsautobahnbaustelle 1940-1945 für Juden, sowjetische Kriegsgefangene und andere Zwangsarbeiter

Das Projekt beschäftigt sich mit einem System von teilweise unerforschten NS-Zwangsarbeitslagern. Im Winter 1940/41 wurden für den Bau der Reichsautobahn (RAB) Frankfurt (Oder) – Posen / Poznań – die letztlich erst im Jahre 2012 auf der damals geplanten Trasse fertig gestellt wurde – über 30 Zwangsarbeitslager errichtet, die zum Teil bis 1945 bestanden und genutzt wurden. Ziel ist es, die Geschichte und Rezeptionsgeschichte der Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs in der deutsch-polnischen Grenzregion zwischen Frankfurt (Oder) und Poznań, die sich in den nationalsozialistischen Arbeitslagern der Reichsautobahn verdichtet, zu erforschen und anschaulich zu vermitteln.

1940 bis 1942 waren, mit der Ausnahme des „Arbeitserziehungslagers Schwetig“, in allen diesen Lagern polnische Juden, hauptsächlich aus dem Ghetto Łódź, untergebracht und bauten in geschlossenen Arbeitseinsätzen an der Reichsautobahn. Ihre „Hereinholung ins Altreich“, also nach Frankfurt an der Oder und in das damalige Ostbrandenburg, die heutige polnische Wojewodschaft Lubuski, setzte der Generalinspekteur für das deutsche Verkehrswesen Fritz Todt gegen Heinrich Himmler und das Reichssicherheitshauptamt durch. Auf eine Art handelte es sich dabei um eine Vorwegnahme des erst später eingeführten Systems der KZ-Außenlager.

In der Phase der Einstellung der Autobahnarbeiten im Frühjahr/Sommer 1942 gehörten die RAB-Lager im damaligen Ostbrandenburg zu den ersten Durchgangslagern für sowjetische Kriegsgefangene im Kernland des Deutschen Reichs. Hierbei wurden die sowjetischen Kriegsgefangenen noch für „Rest- und Abschlussarbeiten“ auf den Autobahnbaustellen eingesetzt.

Mehrere der der RAB-Direktion unterstehenden Lager dienten der Gestapo als sog. Arbeitserziehungslager für zivile Zwangsarbeiter aus allen besetzten Ländern, zu einem großen Teil Polen, zum Teil bereits während der Autobahnarbeiten, zum Teil erst nach deren Einstellung 1942. Diese Lager bestanden, neben einigen weiteren des Komplexes, bis 1945 weiter. Das Lager Schwetig/Świecko, genannt „Oderblick“, unmittelbar am östlichen Oderufer, diente hierbei als zentrales Arbeitserziehungslager und Erweitertes Polizeigefängnis der Gestapoleitstelle des Regierungsbezirks Frankfurt.

Eines der RAB-Lager in Frankfurt-Güldendorf diente, nachdem es ursprünglich auch ein Judenarbeitslager war, bis 1945 als Krankenlager für „Ostarbeiter“ und vermutlich als zentrales regionales Entbindungs- und Kinderlager für zivile sowjetische Zwangsarbeiterinnen und ihre in Deutschland geborenen Kinder.

Die Orte der Zwangsarbeit des beschriebenen Lagerkomplexes gehören zu drei unterschiedlichen historischen oder aktuellen administrativen Einheiten und Erinnerungsräumen, namentlich ehemalige DDR, 1945 polnisch gewordene Teile des Deutschen Reichs in den Vorkriegsgrenzen, sowie deutsch besetztes Großpolen (Warthegau). Dies erlaubt einen Vergleich der Erinnerungen und Aufarbeitungen von NS-Zwangsarbeit in diesen drei Räumen.

Das Projekt wird in einer deutsch-polnischen Kooperation mit dem Muzeum Martyrologiczne Żabikowo in Luboń bei Poznań durchgeführt und wendet sich auch direkt an lokale Gemeinschaften entlang der Autobahn. Das auf anderthalb Jahre angelegte Projekt soll dazu beitragen, die Geschichte und Lehren aus der NS-Zwangsarbeit dauerhaft und nachhaltig in der regionalen und europäischen Erinnerungskultur zu verankern.

Ergebnis des Projektes wird ein Audioguide sein, der für Reisende auf der Autobahn zwischen Frankfurt (Oder) und Poznań nutzbar ist und auch Abstecher zu ausgewählten Lagerorten entlang der Autobahn beinhaltet. Das Produkt wird auf den Internetseiten der Projektpartner online kostenfrei als download zur Verfügung stehen und entlang der Autobahn mit Plakaten und Flyern beworben werden. Als Begleitmaterial ist eine deutsch-polnische Broschüre mit einer Karte der Orte der Lager geplant.

Projektdauer: 1.7.2015 – 15.05.2017

Die Projektergebnisse werden präsentiert:

am 10. Mai 2017 um 12:00 Uhr im Museum der Opfer des Nationalsozialismus (Muzeum Martyrologiczne), Żabikowo bei Poznań

am 15. Mai 2017 (Montag) um 18:00 Uhr in der Gedenk- und Dokumentationsstätte „Opfer politischer Gewaltherrschaft“ in Frankfurt (Oder)

Projektleitung, Kontakt und nähere Infos: Matthias Diefenbach

Partner: Museum des Martyriums Żabikowo bei Poznań

Das Projekt wird gefördert von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“  und der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit

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