Mrz 092017
 

Ein polnischer Verein erinnert an deutsche Geschichte östlich der Oder

Westpolen ist für viele BewohnerInnen auch in vierter Generation noch immer ein unbekanntes Land. Das Projekt Terra Incognita erinnert an die deutsche Geschichte hinter der Oder: mit Bildungsprojekten, einem Fotoworkshop in Chojna (Königsberg in der Neumark) und einem Journalismusworkshop für Jugendliche.

Der polnische Verein Terra Incognita erinnert an die deutsche Geschichte östlich der Oder. Im deutsch-polnischen Fotografieworkshop wurden die Veränderungen in Chojna (Königsberg in der Neumark) dokumentiert.

Der polnische Verein Terra Incognita erinnert an die deutsche Geschichte östlich der Oder. Im deutsch-polnischen Fotografieworkshop wurden die Veränderungen in Chojna (Königsberg in der Neumark) dokumentiert.

„Wissenschaftliche Akteure in Deutschland interessieren sich heute kaum noch für die Geschichte der Länder östlich der Oder“, bedauert Regionalhistoriker Pawel Migdalski. Also muss er die historische Spurensuche vor Ort selbst in die Hand nehmen. 2009 gründet er den Verein Terra Incognita (Unbekanntes Land). Dessen polnische Mitglieder – LehrerInnen, JournalistInnen, Kulturinteressierte – vermitteln die polnische und deutsche Geschichte und Kultur dieser für viele Bewohner unbekannten Region zwischen Szczecin (Stettin) und Gorzów (Landsberg an der Warthe). Die deutsche Geschichte der „wiedergewonnen Gebiete“ vor 1945 war im kommunistischen Polen über Jahrzehnte ein Tabu. Startschuss für die Vereinsarbeit war 2009 die Herausgabe des ersten Rocznik Chojeński, eines Jahrbuchs zur Geschichte der Stadt Chojna und seiner Umgebung. Das Magazin veröffentlicht polnische Artikel mit deutscher Zusammenfassung zur Geschichte und Kultur des Grenzlandes: die Stationierung der preußischen Armee, mittelalterliche Baudenkmäler und Zeitzeugeninterviews mit ehemaligen deutschen BewohnerInnen.

Neben der Herausgabe des Rocznik organisiert der Verein wissenschaftliche Konferenzen, Studienreisen und Workshops. Etwa die Exkursion „Paul Tillich – Theologe auf der Grenze. Auf den Spuren des großen Denkers in der Neumark“ oder 2014 zum 100. Jahrestag des Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine Spurensuche zu Gedenkorten des „Großen vergessenen Krieges“ im Grenzland. Das kollektive Gedächtnis in Polen bewertet den Ersten Weltkrieg anders als die westlichen Nachbarn, da sein Ende für die Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit steht. Ist die Zielgruppe von Terra Incognita die polnische Bevölkerung der Grenzregion, so hat der Verein mit seinem Fokus auf die so lange vernachlässigte deutsche Geschichte auch ein deutsch-polnisches Anliegen. 2011 startete das Projekt „Terra Incognita – gemeinsame deutsch-polnische Geschichte und Gegenwart in einer gemeinsamen Region“ unter der Leitung von Lehrerin Magdalena Ziętkiewicz. 16- bis 19-jährige Jugendliche entwickelten im Reporter-Workshop „Bez granic – Ohne Grenzen“ journalistische Texte über die polnische Grenzregion: über Grenzen im Kopf, PolInnen, die in Schwedt/Oder leben, den Einkauftourismus und deutsch-polnische Kulturprojekte. Im Kurier Szczecinski und der Gazeta Chojenska wurden zwei Schüler-Artikel veröffentlicht.

Im Reportageworkshop schrieben SchülerInnen über den Alltag im Grenzland.

Im Reportageworkshop schrieben SchülerInnen über den Alltag im Grenzland.

In einem dreitägigen Foto-Workshop dokumentierten deutsche und polnische HobbyfotografInnen die Veränderungen im urbanen Raum von Chojna. Alte Fotomotive der Stadt aus den 1930er Jahren wurden mit der heutigen Bebauung verglichen und die Orte erneut fotografisch dokumentiert. Im kollektiven Gedächtnis der Stadt wird Chojna vor 1945 heute als „schöne Stadt der Denkmäler und Parks“ idealisiert, während gleichzeitig kaum etwas über das deutsche Kulturerbe bekannt ist. Der Stettiner Historiker Radosław Skrycki berichtete in seiner Einführung für die HobbyfotografInnen, wie anhand von Postkarten aus den 1930er Jahren in einer historischen Spurensuche die deutsche Geschichte der Stadt erschlossen werden kann. Die Foto-Gegenüberstellungen der Orte, die die TeilnehmerInnen selbst auswählten, spielten durchaus mit den Brüchen der Stadtgeschichte: Die historischen Fotos zeigten die Narben des Krieges, wie ganze Häuserzeilen verschwanden. PassantInnen oder Motorräder auf den Fotos vom heutigen Chojna sind Zitate der Personen und Automobile, die auf den alten Postkarten zu sehen waren. Aus den Workshops entstand die Fotoausstellung „Chojna-Königsberg in den dreißiger Jahren und heute“.

„Unsere Gäste kommen aus Berlin, Szczecin und Gorzów“, zählt Pawel Migdalski auf. Deutsche Teilnehmende seien „trotz Simultanübersetzung“ manchmal schwer zu bekommen. Problematisch findet er, dass nur so wenige Leute aktiv sind, die Projekte oft unterfinanziert. Die Geschichtsvereine auf beiden Seiten der Oder machten viel ihre eigenen Themen und fänden nur zusammen, wenn dadurch mehr Projektförderung zu haben sei. „Ich wünsche mir eine dauerhafte Kooperation mit deutschen Partnern“, so Migdalski. Doch die Arbeit geht weiter: Gedächtnislücken füllen, Brüche in der Geschichte der Grenzregion sichtbar machen. Derzeit plant der Verein die Errichtung eines Gedenksteins zum Jüdischen Friedhof in Chojna. Er wurde 1938 teilweise zerstört. Die Stadtverwaltung Chojna begann auf dem Gelände mit einzelnen noch erhaltenen Mazewot (Grabsteinen), Tor und Mauer in den 1970er Jahren „aufzuräumen“. Bis 1980 wurden die meisten Überreste beseitigt, heute ist nur ein Stück der Friedhofsmauer erhalten. An diese Geschichte will Terra Incognita erinnern.

 

seit 2009 in Chojna (Königsberg in der Neumark)
Gespräch mit Pawel Migdalski und Magdalena Ziętkiewicz
Träger Kulturhistorischer Verein „Terra Incognita“
Projektförderung EU-Interreg-Programm, Landratsamt Gryfino und weitere

 

Infos im Netz
Terra Incognita auf Facebook:
www.facebook.com/Stowarzyszenie-Terra-Incognita-123210941036971/
Jahrbuch Chojna: www.rocznikchojenski.pl/zawartosc-tomow

 

Publikation herausgegeben von:

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Gefördert von:

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