Feb 012017
 

Internationale Jugendbegegnungen im ehemaligen NS-Kriegsgefangenenlager

„Putzen und Schweißen – Grillen und Chillen“ – so warb der Verein Meetingpoint Music Messiaen in Görlitz für seine Sommercamps. In einer Metallwerkstatt entwickelten die Jugendlichen Kunstwerke zur Geschichte des Lagers, die zum Bestandteil der Gedenkstätte wurden.

In der Metallwerkstatt schweißen Jugendliche aus ganz Europa Kunstwerke für die Gedenkstätte des NS-Kriegsgefangenenlagers.

In der Metallwerkstatt schweißen Jugendliche aus ganz Europa Kunstwerke für die Gedenkstätte des NS-Kriegsgefangenenlagers.

Ein Mädchen aus Polen fühlt sich wie eine echte Archäologin. Sie findet besonders gut, dass „wir alles im Team machen“. Die Jugendlichen graben gerade ein Barackenfundament aus, finden Nägel, Teller und Münzen. Ihre Arbeit hilft bei der ständigen Suche nach den Spuren des Kriegsgefangenenlagers Stalag VIII A in Zgorzelec (Görlitz). Der Künstler Matthias Beier leitet den Metallbauworkshop. Mit ihm machen die Jugendlichen aus ihrer Beschäftigung mit der Geschichte des Ortes ein Kunstwerk. 2016 modellierten die TeilnehmerInnen Masken der oft anonym verscharrten Kriegsgefangenen auf Grundlage alter Fotos. Die Kunstwerke werden alle auf dem Gelände der Gedenkstätte aufgestellt. Auf die Frage, was ihnen besonders gut gefallen haben, antworten viele Jugendlichen zwar: „afghanisch kochen, Party machen, baden fahren!“ Aber die Atmosphäre ist eben besonders toll, „weil wir etwas Sinnvolles machen.“

Worcation (work and vacation) heißt der „Verkaufsschlager“ von Meetingpoint Music Messiaen. Der Verein veranstaltet das zweiwöchige Sommercamp mit etwa 30 Jugendlichen jedes Jahr seit seiner Gründung im Jahr 2007. Fünf Jahre zuvor kam Literaturwissenschaftler Dr. Albrecht Goetz nach Zgorzelec und stieß auf die Geschichte des französischen Komponisten Olivier Messiaen (1908-1992), der im sogenannten Stammlager VIII A in Görlitz-Moys (heute Zgorzelec) eines der berühmtesten Kammermusikstücke des 20. Jahrhunderts geschrieben hatte. Ein Konzert jedes Jahr im Januar erinnert feierlich an die Uraufführung 1941 vor 300 Kriegsgefangenen. In den Jahren 1940 bis 1945 gingen insgesamt etwa 120 000 Polen, Franzosen, Belgier, Slowaken, Jugoslawen, Sowjetbürger, Italiener, US-Amerikaner und Engländer durch das Kriegsgefangenenlager. Dr. Goetz entwickelte die Idee für den Meetingpoint Music Messiaen, ein Jugendbildungszentrum, das nicht nur mit der Geschichte des Ortes konfrontiert, sondern auch etwas über Theater, Kunst und Musik vermittelt. Denn, so beschreibt Frank Seibel, Vorsitzender des Vereins, die Gründungsidee: „Dieser Ort des Leids war gleichzeitig ein Ort, an dem so etwas Positives wie diese Musik entstanden war.“ Die Jugendlichen sollten in dem Bildungszentrum, das ihm vorschwebte, nicht nur mit der Geschichte des Ortes konfrontiert werden, sondern etwas über Theater, Kunst und Musik lernen.

Im Archäologie-Workshop bergen Jugendliche die Hinterlassenschaften der Gefangenen aus dem Waldboden.

Im Archäologie-Workshop bergen Jugendliche die Hinterlassenschaften der Gefangenen aus dem Waldboden.

Junge Erwachsene aus den Nationen der Kriegsgefangenen kommen seit Jahren, um die Gedenkstätte zu erhalten und zu erweitern. Die meisten interessierten sich schon vorher für Geschichte. Aber Meetingpoint Music Messiaen e.V. warb explizit auch mit dem Spaßfaktor einer internationalen Jugendbegegnung: Wer „kehrt und putzt“, kann hinterher „grillen und chillen“. Doch die Konfrontation damit, dass tausende Kriegsgefangene anonym im Wald oder auf Friedhöfen verscharrt wurden, beschäftigt die Jugendlichen; ob beim Schweißen in der Metallbauwerkstatt oder angesichts der vorsichtig abgestaubten Hinterlassenschaften, die sie mitten im Wald fanden. Die Jugendlichen mussten sich am Anfang selbst in internationalen Wohngemeinschaften zusammenfinden, sie kochten gemeinsam und organisierten ihren Camp-Alltag selbst. Doch jedes Jahr meldeten sich neue TeilnehmerInnen, die von der Ausschreibung angesprochen oder über Empfehlungen ehemaliger TeilnehmerInnen nach Görlitz kamen. Die neuen internationalen Freundschaften enden nicht nach zwei Wochen: Online halten viele weiter Kontakt und organisieren Nachtreffen.

Der Verein Meetingpoint Music Messiaen veranstaltet auch Kunst- und Theaterprojekte für Kinder und Jugendliche in Görlitz-Zgorzelec.

Der Verein Meetingpoint Music Messiaen veranstaltet auch Kunst- und Theaterprojekte für Kinder und Jugendliche in Görlitz-Zgorzelec.

Aber die Bildungsarbeit ging auch über die Geschichte des Ortes hinaus. Meetingpoint Music Messiaen organisiert jedes Jahr eine Fahrt mit Jugendlichen aus der Region zu einer Generalprobe der Staatskapelle Dresden. Zudem kommt regelmäßig das Kammerorchester Sinfonietta Dresden nach Görlitz-Zgorzelec, um Uraufführungen von Werken junger KomponistInnen zu präsentieren. Zu den Konzerten, vor allem zum „besonderen Neujahrskonzert“ von Messiaens Kammermusikstück kommen regelmäßig über 300 Leute aus der Region. Oder im Projekt Kunstpause „kapern“ über 500 Kinder und Jugendliche aus Görlitz-Zgorzelec vom Kindergarten bis zum Gymnasium für einen Tag das Gerhart-Hauptmann-Theater und zeigen Kunstperformances.

Eine EU-Investitionsförderung ermöglichte zwischen 2009 und 2014 den Bau des Europäischen Zentrums für Bildung und Kultur im ehemaligen Stalag. Eine EU-Förderung sei zwar „charmant, aber wie geht es nach Fertigstellung des Baus weiter?“, fragte sich Frank Seibel. In Zgorzelec wurde als Partner für den EU-Antrag die Stiftung Zentrum zur Unterstützung von Unternehmertum (Fundacja Centrum Wspierania Przedsiębiorczości) gegründet, die heute das Gebäude betreibt. Stadt und Landkreis förderten die Gedenkstätte beidseits der Grenze, seit 2014 bekommt der Verein jährlich eine Zulage als Koordinierungsstelle Internationale Jugendarbeit GörlitZgorzelec. In der nächsten Zeit gehe es darum, eine institutionelle Förderung zu finden. Vor allem der Unterhalt für das Gebäude verschlinge viel Geld, so Seibel. War die polnische Partnerstiftung zu Anfang eine „Stiftung für alle“, wird der Stiftungszweck als Stiftung für Kultur und Bildung nun stärker auf den Betrieb des Zentrums ausgerichtet. Mit Meetingpoint Music Messiaen e.V. wird nun zunehmend intensiv an Zukunftsplänen arbeitet.

seit 2007 in Zgorzelec-Görlitz
Gespräch mit Frank Seibel und Natalia Kozik
Träger Meetingpoint Music Messiaen e. V., Fundacja Centrum Wspierania w Zgorzelcu
Projektförderung Europastadt Görlitz-Zgorzelec, Deutsch-polnisches Jugendwerk (DPJW), Euroregion Neisse-Nisa-Nysa, Kulturstiftung des Freistaats Sachsen, Robert-Bosch-Stiftung und weitere

 

Infos im Netz
Meetingpoint Music Messiaen e.V.: www.meetingpoint-music-messiaen.net
Workcamp Blog 2014: https://internationalworkcamp.wordpress.com/
Workcamp Blog 2016: https://worcation2016.wordpress.com/
Worcation Film 2016: https://youtu.be/jP_9LPX9HHQ

 

Publikation herausgegeben von:

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Gefördert von:

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