Dez 212016
 

Die Neuentdeckung der Jakobswege östlich und westlich der Oder

StudentInnen begeben sich auf die Spuren der Jakobuspilger, um ein spirituelles und touristisches Phänomen der Neuzeit nach Brandenburg und Lebus zu holen.

Der Pilgertourismus erlebte in den 2000er Jahren eine Renaissance. In Brandenburg und Westpolen recherchierten StudentInnen den historischen Verlauf des Jakobswegs.

Der Pilgertourismus erlebte in den 2000er Jahren eine Renaissance. In Brandenburg und Westpolen recherchierten StudentInnen den historischen Verlauf des Jakobswegs.

2005 startet Prof. Dr. Dr. Ulrich Knefelkamp an der Europa-Universität Viadrina das erste Projektseminar „Jakobswege östlich und westlich der Oder“. Zu diesem Zeitpunkt ist die Region noch nicht an das europäische Netz der modernen Jakobswege angebunden. Ziel des Seminars ist die Wiederentdeckung des Verlaufs der historischen Jakobswege und deren Reaktivierung im 21. Jahrhundert. Die StudentInnen recherchieren in Archiven, Bibliotheken und Kirchen: Gibt es Darstellungen vom heiligen Jakobus oder in Polen vom heiligen Nikolaus, Schutzpatron der Reisenden? Wie kann der historische Weg in der heutigen Zeit verlaufen und wieder erschlossen werden? „Genauso wichtig wie die historische Recherche ist die aktive Zusammenarbeit mit den Leuten vor Ort“ sagt Magdalena Pietrzak, Koordinatorin für die Erschließung und Bewerbung des polnischen Teils: Lokalhistoriker aufspüren, mit den Gemeinden, der Verwaltung und der Kirche sprechen, wie der Verlauf erfolgen und die Ausschilderungen aufgestellt und finanziert werden sollen. „Am Ende, wenn es gut läuft, sieht man unmittelbar die Auswirkungen seiner wissenschaftlichen Arbeit“. Das ist das Erfolgskonzept des praxisorientierten Projektseminars.

TeilnehmerInnen des Jakobsweg-Seminars vor der Frankfurter Marienkirche mit Pilgern aus der Region.

TeilnehmerInnen des Jakobsweg-Seminars vor der Frankfurter Marienkirche mit Pilgern aus der Region.

Verschiedene Teams waren für die Erkundung von Teilstrecken in Brandenburg und der Woiwodschaft Lebus zuständig. Besonders in den grenznahen Gebieten mussten die StudentInnen gut zusammenarbeiten und sich gegenseitig mit Informationen unterstützen. Denn „der Weg endet nicht an der Oder, die Gebiete, die die historische Grundlage der Recherche sind, waren nicht deutsch oder polnisch“ so Magdalena Pietrzak. Das Interesse am Jakobsweg bei den kommunalen Verwaltungen zu wecken, war nicht einfach. In Polen waren die Jakobswege und spiritueller Tourismus noch nicht so bekannt, wie in Deutschland. Im katholisch geprägten Land organisiert die Kirche die Pilgerschaft, meist zu Zielen in Polen, wie Częstochowa oder Licheń Stary. Mittlerweile jedoch ist der Jakobsweg-Pilgertourismus auch dort in Mode gekommen: an den Projektergebnissen haben polnische Gemeinden zunehmend Interesse.

Jakobswegweiser in Słubice (Foto: Maria Schlüter)

Jakobswegweiser in Słubice (Foto: Maria Schlüter)

Ein Pilgerführer für zwei Strecken im Land Brandenburg, von Frankfurt (Oder) nach Bernau bei Berlin sowie nach Erkner, erschien 2008. Beide Strecken sowie eine weitere, von Berlin nach Leipzig, sind inzwischen durchgehend mit dem europäischen Wegezeichen, einer stilisierten gelben Muschel auf blauem Untergrund, versehen. Auch in der Woiwodschaft Lebus sind die Jakobswege seit 2010 weitgehend ausgeschildert. Im Jahr 2015 gab der Verein Freunde der Jakobswege in Polen für diese Wegstrecke einen polnischen Pilgerführer heraus. Er beruht auf den Recherchen von Magdalena Pietrzak und ihren StudentInnen im Projektseminar.

 

Spuren des Pilgerweges finden sich in Jakobskirchen beidseits der Oder, wie hier in Ośno Lubuskie (Drossen) (Foto: Magdalena Pietrzak)

Spuren des Pilgerweges finden sich in Jakobskirchen beidseits der Oder, wie hier in Ośno Lubuskie (Drossen) (Foto: Magdalena Pietrzak)

2011 gründeten die StudentInnen gemeinsam mit Interessierten aus der Region den Verein Jakobusgesellschaft Brandenburg-Oderregion e.V. Sie kümmerten sich weiter um die Recherche der historischen Wege, deren Ausschilderung und Einbindung regionaler Akteure. „Wir würden gerne weiter deutsch-polnisch arbeiten und Kooperationen ausbauen. Dafür benötigen wir allerdings finanzielle Mittel und die Unterstützung von polnischsprachigen Helfern“ sagt Katharina Maak, Projektkoordinatorin in den Anfängen des Seminars und heute Schatzmeisterin des Vereins. Das größte Hindernis ist die Sprachbarriere: Der Verein bräuchte jemanden, der die polnischen Kontakte herstellt.

„Mit der Vereinsgründung ist die Überführung des universitären Projektes in eine zivilgesellschaftliche Initiative geglückt“ freut sich Professor Knefelkamp. Er ist überzeugt: Die Auseinandersetzung mit mittelalterlicher Geschichte öffnet die Augen für die „Oderregion als europäische Kulturregion“. 2016 wurde der Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte an der Europa-Universität Viadrina geschlossen. Die Ergebnisse der Arbeit von Ulrich Knefelkamp und seinen StudentInnen werden bleiben: Die Wiederbelebung der Jakobswege und ihre Anbindung an das Europäische Wegenetz als touristisches Ziel für die strukturschwache Region beidseits der Oder.

von 2005 bis 2011 in Brandenburg und der Woiwodschaft Lebus
Gespräch mit Magdalena Pietrzak, Dr. Katharina Maak und Prof. Dr. Dr. Ulrich Knefelkamp
Träger Europa-Universität Viadrina
Projektförderung EU-INTERREG-Projekt „Grenze und Grenzüberschreitung“, Regionalmanagement
Heute Jakobusgesellschaft Brandenburg-Oderregion e.V. (seit 2011)

 

Infos im Netz
Jakobusgesellschaft Brandenburg-Oderregion: www.brandenburger-jakobswege.de
Infos zum polnischen Pilgerführer: www.camino.net.pl/przewodniki/lubuska-droga-sw-jakuba-przewodnik-pielgrzyma auf deutsch: www.camino.net.pl/lubuska/kurzbeschreibung-in-deutsch

 

Publikation herausgegeben von:

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