Nov 302016
 

Interkulturelle Begegnungsarbeit mit Kleinkindern

Kinder aus Müncheberg und Witnica bauen ein Schiff und fahren nach Brüssel.

Die Kinder aus Witnica und Müncheberg spielen zusammen auf den Erzählnachmittagen.

Die Kinder aus Witnica und Müncheberg spielen zusammen auf den Erzählnachmittagen.

In der Heimatstube im städtischen Kulturhaus von Witnica (Vietz) sind die Koffer zweier Familien ausgestellt: einer deutschen Familie, die 1945 aus dem damaligen Vietz fliehen musste und einer polnischen Familie, die aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten nach Kriegsende in das nun polnische Witnica kam. Aus dieser Geschichte entsteht das erste von sechs gemeinsamen deutsch-polnischen Projekten zweier Kitas aus Nowiny Wielkie und Müncheberg. Ein leerer Märchenkoffer wird mit selbst ausgedachten Geschichten gefüllt, die sich die Kinder gegenseitig erzählen und vorspielen. Schauspieler und Regisseur Cezary Żołyński verwendet bei den Märchen, die er für das Projekt entwickelt Motive aus der Geschichte der Region, wie den Reisekoffer, die die Kinder wieder erkennen können.

Die Heimatstube gründete der Initiator der Witnicer Lokalgeschichtsforschung, der Sozialpädagoge und Historiker Zbigniew Czarnuch. Er initiierte die Zusammenarbeit mit ehemaligen Vietzern, bereits 1985 gründete er den Verein Freunde Witnicas. 1998 folgte der Deutsch-polnische Verein Educatio pro Europa Viadrina, der Bildung verstärkt in den Fokus rückte und Träger der Märchenprojekte der Kitas in Nowiny Wielkie und Müncheberg wurde. Grundlage für Czarnuchs Arbeit war die Erkenntnis, dass die deutsche und polnische Geschichte der Region gleichberechtigt nebeneinander erzählt werden müssten, damit Verständigung und Aussöhnung möglich sind. Auch Grażyna Aloksa, Leiterin der Kita Mitte der Welt in Nowiny Wielkie, wurde von Zbigniew Czarnuchs Arbeit inspiriert. Sie fragte sich: Können sich deutsche und polnische Kinder so begegnen, wie die älteren Deutschen und Polen auf Czarnuchs Exkursionen?

Die Kinder bauen gemeinsam ein großes Schiff aus Bausteinen.

Die Kinder bauen gemeinsam ein großes Schiff aus Bausteinen.

Das Märchen von der „Arche der guten Nachricht“, das zweite gemeinsame Kita-Projekt 2002, endete mit der Aufgabe, ein Schiff zu bauen. So wie einst der Märchenkönig sollten die Kinder die verlorenen guten Nachrichten suchen. Sie erzählten einander aus ihrem Leben: Was gibt es bei Euch für gute Nachrichten? Das schrieben sie auf Zettel und sammelten die Geschichten in einer aus Spielsteinen gebauten Arche. Das Bauen an einem richtig großen Schiff machte Spaß und die Idee wurde mit den Kindern weiterentwickelt. Tatsächlich fand Grażyna Aloksa eine polnische Firma, die speziell Bausteine für den Bootsbau anfertigte und sponserte.

Ein „Märchen wird wahr“ als die Kinder nach Brüssel fahren und den EU-Beitritt Polens feiern.

Ein „Märchen wird wahr“ als die Kinder nach Brüssel fahren und den EU-Beitritt Polens feiern.

So ging die Arche mit insgesamt 70 Kindern, ErzieherInnen und Eltern 2004 auf große Reise durch die beteiligten Kitas in Gniezno (Woiwodschaft Großpolen), Nowiny Wielkie (Lubuskie), Müncheberg (Brandenburg) und Druten (Niederlande) nach Brüssel. Am 1. Mai 2004, dem Tag des EU-Beitritts Polens, stand die Arche dann auf dem Grand Place in Brüssel. So wurde das Märchen wahr, wie auch das Heft titelte, das die Geschichte des Projektes erzählt.

Dass die deutsch-polnischen Kita-Projekte erfolgreich verliefen, ist einem guten Zusammenspiel von Akteuren, Gemeinde und Politik zu verdanken sagt Grzegorz Załoga, Mitglied im Verein Educatio pro Europa Viadrina. Von 1991 bis 2014 leitete ein Bürgermeister die Gemeinde, „diese politische Kontinuität war sehr wichtig.“ Genauso entscheidend war, dass deutsch-polnische Projekte damals unkompliziert gefördert wurden. Der Kontakt zur Kita Müncheberg kam 1998 über die Städtepartnerschaft zustande und wurde dann jahrelang von den PädagogInnen „mit Leben erfüllt“.

In Witnica scheint es einen Generationenwechsel zu geben: Die Zeit, in der die Witnicer Polen „deutsch-polnische Bildungsarbeit aus einem Schuldbewusstsein heraus machten“ sei vorbei, sagt Grażyna Aloksa. Sie sucht nach neuen Formen der Annäherung und konzentriert sich mit den Kindern auf die Zukunft. „Es muss jetzt stärker auf das regionale Interesse an Heimat gesetzt werden – beidseits der Oder. Das Thema Heimat ist stärker als das der Versöhnung.“

von 2000 bis 2006 in Nowiny Wielkie und Müncheberg
Gespräch mit
Grażyna Aloksa und Grzegorz Załoga
Träger
Deutsch-Polnischer Verein Educatio pro Europa Viadrina, die Kitas Spatzennest in Müncheberg (D) und Mitte der Welt in Nowiny Wielkie (PL)
Förderer
Euroregion Pro Europa Viadrina, Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit (SdpZ), Stadt/Gemeinde Witnica und andere

 

Infos im Netz
Verein Educatio Pro Europa Viadrina: www.educatio.witnica.pl
Miejski Dom Kultury in Witnica: www.mdk.witnica.pl
Über Zbigniew Czarnuch und das Heimatmuseum: www.transodra-online.net

 

Publikation herausgegeben von:

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Gefördert von:
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