Jun 272017
 

Der Verein Oderläufe lässt GrenzlandbewohnerInnen erzählen

Eine Gruppe von Filmschaffenden macht Lebensgeschichten aus der Oderregion im Internet zugänglich. Die Methode wird für Jugendliche weiterentwickelt, die Interviews führen und Videoclips produzieren.

Die Interviewmagazine des Vereins Oderläufe fangen die Lebenswirklichkeiten der BewohnerInnen des Grenzlandes ein. Eine deutsch-polnische Familie erzählte von polnischer Gastfreundschaft und deutschem Schulsystem.

Die Interviewmagazine des Vereins Oderläufe fangen die Lebenswirklichkeiten der BewohnerInnen des Grenzlandes ein. Eine deutsch-polnische Familie erzählte von polnischer Gastfreundschaft und deutschem Schulsystem.

„Eigentlich lerne ich immer und überall Leute kennen“, sagt der Theater- und Filmregisseur Tobias Lenel. Als er 1998 in Kuhbrücke in die Nähe des Grenzübergangs bei Kostrzyn (Küstrin) ein Wochenendhaus kauft, will er zunächst einen Dokumentarfilm über den „spannenden Mikrokosmos Grenzregion“ machen. Dabei lernt er Gleichgesinnte kennen, Film- und MedienstudentInnen aus Berlin, die mit ihm das „thematische Interviewmagazin“ Oder-Kanal / Kanał Odry online herausbringen. In 10- bis 15-minütigen Videosequenzen erzählen Menschen beidseits der Oder von sich und ihren Erinnerungen an Grenze und Fluss. Tobias Lenel versucht mit seinen Aufnahmen „beim Reden, Denken, Erinnern auch das Lebensumfeld des Interviewten sichtbar zu machen.“

Der erste Clip zeigt eine Grenzlandfamilie beim Angeln in der Oder. Deutscher Vater, polnische Mutter und ihr Sohn grüßen den vorbeifahrenden Schiffer und erzählen über ihren Alltag, polnische Gastfreundschaft, deutsches Schulsystem und die Großväter, die beide aus den Masuren stammen. In Czechów (Zechow) erzählt ein polnischer Kleinbauer, wie sein Vater vom polnischen Staat als Kriegsverdienst den Hof des reichen deutschen Vorbesitzers bekam, der, so erzählen die Leute, 1945 von den Russen erschossen wurde. „Mein Vater war kein Schurke“, betont er immer wieder: „Als er hierher kam, hatten die schon alles geplündert.“ Musiker Tobias Morgenstern und Fernseh-Schauspieler Thomas Rühmann gründen ein Theater am Rand in ihrem Wohnzimmer, bis der Platz für die vielen Besucher nicht mehr reicht. Heute spielen sie auf den Oderwiesen hinterm Haus. So wird Stück für Stück in 25 Geschichten das Leben an der Oder erzählt. Oder-Kanal / Kanał Odry kooperierte mit lokalen Medien. Wöchentlich wurden die Video-Clips auf den Internetseiten von Berliner Zeitung, Märkische Oderzeitung und Gazeta Lubuska zwischen Oktober 2012 und Februar 2013 veröffentlicht.

Der Vater dieses Kleinbauern hatte den Hof des ehemaligen deutschen Eigentümers vom polnischen Staat als Kriegsverdienst bekommen. Die Gespräche zeigen die wechselhafte Geschichte der Region.

Der Vater dieses Kleinbauern hatte den Hof des ehemaligen deutschen Eigentümers vom polnischen Staat als Kriegsverdienst bekommen. Die Gespräche zeigen die wechselhafte Geschichte der Region.

2013 gründeten die Filmschaffenden dann Oderläufe e.V. mit dem Wunsch, Lebensgeschichten filmisch zu dokumentieren und auch selbst Förderung dafür zu beantragen. Besonders wichtig war den MacherInnen, Erzähltalente aus allen Schichten zu zeigen, die den Alltag beidseits der Grenze lebendig machten und die sie an Originalschauplätzen in Brandenburg und Westpolen in Szene setzten, egal ob Eisenbahnerin, Angler oder Pastor. Insgesamt hat der Verein bis heute vier Interviewmagazine online veröffentlicht. 2014 griff „Jenseits der Oder. Erzählte Geschichte DDR-Polen 1949-1990“ die Beziehung der DDR-Bevölkerung zu den polnischen Nachbarn auf. Darin erzählt der Elektromechaniker Joachim Beyer vom stillen, aber gut organisierten Warentausch deutscher und polnischer EisenbahnerInnen an der Güterstrecke Kietz-Kostrzyn: „Weihnachten war immer sehr viel Betrieb hier. Na, in Polen gab es Weihnachtsbaumbeleuchtung, elektrische, alle Sorten und Farben! So was gab’s doch bei uns nicht!“

Auch Jugendliche machten bei den Interviewprojekten mit. 2014 interviewten sie ZeitzeugInnen zu Krieg und Vertreibung in der Grenzregion.

Auch Jugendliche machten bei den Interviewprojekten mit. 2014 interviewten sie ZeitzeugInnen zu Krieg und Vertreibung in der Grenzregion.

Das Material mit Jugendlichen zu bearbeiten war der zweite Schritt des Vereins. Das Interview- und Ausstellungsprojekt OdraOderOdra über Krieg und Vertreibung in der Grenzregion 2014 war eine Kombination aus Filmdreh, Jugendaustausch und Zeitzeugenbegegnung für deutsche, polnische und tschechische Jugendliche. Im selben Jahr stellten Jugendliche im Magazin Oderpaare KollegInnen, Brüder, Freunde und EhepartnerInnen an der Grenze vor. Bei dem leicht zugänglichen Thema lernten die Jugendlichen Interviewtechniken, Kameraführung, Schnitt- und Tontechnik. In einem Film wird ein deutsch-polnisches Bäckerehepaar gezeigt, das sich 1990 kennenlernte und das erste Rendezvous noch mit Wörterbuch absolvierte. Zu sehen ist auch die Drohung der Schwiegermutter an ihren deutschen Schwiegersohn: „Ich werde auf meine alten Tage nicht mehr Deutsch lernen. Wenn du dich also mit mir unterhalten willst, lern Polnisch!“ Die SchülerInnen arbeiteten in kleinen Teams und wurden auch in die inhaltliche Vorbereitung der Gespräche eingebunden. So waren sie bei den Interviews mehr als nur passive ZuschauerInnen – eine Rolle, auf die sich die Jugendlichen beim ersten Jugendfilmprojekt OdraOderOdra oft zurückgezogen hatten, erinnert sich Historikerin Ewelina Wanke.

Tobias Lenel ist nach wie vor begeistert von den Lebensgeschichten im Grenzland. Ewelina Wanke möchte die Interviews, die bereits im Netz stehen, zu „Bildungsbausteinen“ mit Arbeitskarten und Hintergrundmaterial aufbereiten. Viele der LehrerInnen im Projektnetzwerk nutzen die Interview-Magazine regelmäßig, aber der Anreiz ist ungleich geringer, wenn man nicht selbst beteiligt war. Das nächste gemeinsame Projekt von FilmemacherInnen und PädagogInnen beschäftigt sich mit dem Übergang vom Kommunismus zum Kapitalismus in der Grenzregion anhand von Mikrokosmen, wie dem Bahnhof und Grenzübergang Kietz-Kostrzyn.

seit 2013 in Kietz-Kostrzyn
Gespräch mit Tobias Lenel und Ewelina Wanke
Träger Oderläufe e.V.
Projektförderung Euroregion Pro Europa Viadrina, Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, EFRE-Fonds, Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und weitere

 

Infos im Netz
Homepage von Oderläufe e.V.: www.oderlaeufe.de
Interviewmagazine: www.oder-kanal.de, www.jenseitsderoder.de
Jugendprojekte: www.odraoderodra.eu, www.oderpaare.de

 

Publikation herausgegeben von:

logo_grau_k75-eu-zentrum_gross logo-instytut-cmyk

 

Gefördert von:

logo_erasmus_plus

 

Print Friendly