Jan 182017
 

Inklusive Jugendbegegnungen am historischen Ort

Wie gestalte ich internationale Jugendbegegnungen inklusiv? Das lernen JugendbildnerInnen aus ganz Europa im niederschlesischen Krzyżowa (Kreisau). Ziel ist es, Bildungseinrichtungen mit inklusiven Methoden vertraut zu machen und die geschulten Fachkräfte untereinander zu vernetzen.

Im Kreisauer Modell Training lernen Fachkräfte, wie sie ihre Arbeit inklusiv gestalten können. (Foto: Kreisau-Initiative)

Im Kreisauer Modell Training lernen Fachkräfte, wie sie ihre Arbeit inklusiv gestalten können. (Foto: Kreisau-Initiative)

„Es ist eine tolle Erfahrung, die eigenen Barrieren im Kopf zu durchbrechen, wenn man mit hörenden und gehörlosen Jugendlichen rappt und tanzt oder mit RollstuhlfahrerInnen Volleyball spielt“, erzählt eine Teilnehmerin. Zwischen unsicherem Gekicher und angeleiteten Kennlernspielen bringen inklusive und internationale Jugendbegegnungen der Kreisau-Initiative stereotype Vorstellungen über den Anderen ins Wanken. Inklusiv, was heißt das eigentlich? „Klingt wie all inclusive“, heißt es in einem Film über das inklusive Projekt Brückenschlag in Krzyżowa. Gemeint ist, dass die Gesellschaft allen Menschen unabhängig von Bildungserfahrungen oder Behinderungen gleiche Chancen gewähren soll. Zum Beispiel die Möglichkeit, an einer internationalen Jugendbegegnung auf dem Gut Kreisau teilzunehmen. Elżbieta Kosek, Leiterin des Bereichs Inklusion der Kreisau-Initiative arbeitet mit ihren KollegInnen daran, dass alle in gleichem Maße von dieser Erfahrung profitieren können.

2006 führten der Berliner Verein Kreisau-Initiative und die Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung als einer der ersten Träger überhaupt internationale Begegnungen Jugendlicher mit Lernschwierigkeiten durch. Die BildungsreferentInnen entwickelten aus ihren Erfahrungen heraus das Kreisauer Modell Training. Die Weiterbildung für PädagogInnen und Fachkräfte der Jugendarbeit aus Deutschland, Polen und Europa wird seitdem zwei- bis dreimal im Jahr angeboten. Beim Kreisauer Modell Basic geht es um die inhaltliche Gestaltung, Projektmanagement und Methoden. Seit einer solchen Weiterbildung beantragen etwa die PädagogInnen der rumänischen Kinderdörfer eigenständig EU-Mittel. Im Kreisauer Modell Advanced werden spezielle Methoden mit inklusivem Ansatz unter anderem in den Bereichen Tanz, Zirkus, Theater und Medienpädagogik vermittelt. Behindertenwerkstätten und Schulen, etwa in Polen und Tschechien, bieten dank solcher Weiterbildungen regelmäßig inklusive Tanzkurse und Zirkusworkshops in ihren Einrichtungen an.

Internationale Jugendbegegnungen sind ein guter Ort für inklusive Arbeit. Abschlussvorstellung des Zirkusworkshops der Jugendbegegnung Brückenschlag im Mai 2016. (Foto: Harmony Art)

Internationale Jugendbegegnungen sind ein guter Ort für inklusive Arbeit. Abschlussvorstellung des Zirkusworkshops der Jugendbegegnung Brückenschlag im Mai 2016. (Foto: Harmony Art)

Die Trainings und inklusiven Jugendbegegnungen der Kreisau-Initiative finden überwiegend auf Gut Kreisau in der Woiwodschaft Niederschlesien statt. Hier traf sich 1943 und 1944 der Kreisauer Kreis, eine geheime Widerstandsgruppe gegen Hitler. Am 12. November 1989 feierten dort Helmut Kohl und der erste frei gewählte polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki die in Polen vielbeachtete Versöhnungsmesse. In Deutschland hingegen wurde die symbolische Umarmung der beiden Politiker im Freudentaumel der drei Tage zuvor geöffneten Berliner Mauer kaum wahrgenommen. Bereits in den 1980er Jahren entstand die Idee, an dem Ort eine europäische Begegnungsstätte zu errichten. 1990 wurde dann die polnische Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung gegründet. Ihr wichtigster Partner ist die zeitgleich von Ost- und Westdeutschen in Berlin gegründete Kreisau-Initiative. Von jährlich etwa 40 Workshops und Trainings der Kreisau-Initiative in Krzyżowa sind mehr als ein Dutzend inklusiv. Die Fördergelder dafür werden jedes Jahr neu beantragt.

Die TeilnehmerInnen des Kreisauer Modell Trainings, die in NGOs und Fördereinrichtungen überall in Europa arbeiten, gehen als BotschafterInnen des Kreisauer Modells zurück an ihre Arbeitsstellen und teilen die Methoden in ihren Netzwerken. Die jungen Menschen, die zu inklusiven Jugendbegegnungen, wie dem Projekt Brückenschlag, nach Krzyżowa kommen, sind oft aus diesem Netzwerk an Einrichtungen. Es mangelt nicht an Jugendlichen, die an den inklusiven Begegnungen teilnehmen möchten. Anders sieht es bei den Fachkräfte-Trainings aus: Man merke, dass der deutsche und österreichische Markt für geförderte Weiterbildungen viele gute Angebote haben und merklich übersättigt sei; JugendbildnerInnen aus den neuen EU-Ländern oder Nicht-EU-Ländern Mittelosteuropas hingegen nutzten sehr gerne die Möglichkeit zu Weiterbildung und Austausch, sagt Elżbieta Kosek.

Was lernen die Fachkräfte in den Trainings? Methodisch sind vor allem die bei internationalen Begegnungen üblichen Sprachanimationsspiele eine Herausforderung. Wie kann man miteinander reden, wenn jemand keine Fremdsprache spricht oder nur über das Gehör oder die Augen kommunizieren kann, ohne dass die Jugendlichen von der Situation überfordert sind? Einige Grundlagen haben die Kreisauer InklusionspädagogInnen formuliert. Wichtig ist etwa das Zwei-Sinne-Prinzip: alle Informationen sollten gleich sichtbar und hörbar sein. Alles wird in Einfache oder Leichte Sprache übersetzt. Dabei darf jeder Satz nur eine Aussage enthalten. Auch Aufwärmspiele sind meist wenig inklusiv, sie beruhen oft auf körperlicher Schnelligkeit. Diese Spiele können weiterentwickelt werden: Alle, egal welche motorischen Fähigkeiten sie haben, müssen sich in slow motion bewegen. Wichtig sei es, bei der Gestaltung immer die Gruppe im Blick zu haben, fasst Kosek zusammen. Für solche Besonderheiten zu sensibilisieren und methodische Kompetenzen zu vermitteln, sei ein wichtiges Ziel des Kreisauer Modell Trainings.

Durch die Weiterbildungen entstand ein europaweites Netzwerk an Einrichtungen, die inklusiv arbeiten. (Clownerie Workshop 2015, Foto: Kreisau-Initiative)

Durch die Weiterbildungen entstand ein europaweites Netzwerk an Einrichtungen, die inklusiv arbeiten. (Clownerie Workshop 2015, Foto: Kreisau-Initiative)

„Wir alle machen Fehler, aber davor darf man keine Angst haben.“ Elżbieta Kosek erinnert sich dabei an ein Treffen, an dem auch gehörlose Jugendliche teilnahmen. Drei hörende Jugendliche präsentierten einen Film ohne Untertitel oder Gebärdendolmetscher. Eine hitzige Diskussion über Diskriminierung und verhinderte Teilhabe begann. Die jungen FilmemacherInnen verstanden, dass sie nicht alle mit einem solchen Beitrag erreichen konnten. Und den gehörlosen Jugendlichen wurde klar, dass auch die deutschen Jugendlichen den polnischen Film nicht verstanden hatten.

Internationale Jugendbegegnungen „mit ihren kurzen und intensiven Begegnungen“ sind ein guter Ort für inklusive Arbeit, sagt Kosek: Die Jugendlichen sind in der nicht-alltäglichen Situation offener für neue Erfahrungen und neue Menschen, egal wie sehr sie von den eigenen Vorstellungen von „Normalität“ abweichen: eine gute Möglichkeit, um Jugendliche aus verschiedenen Lebenswelten zusammenzubringen. Alle sind anders, und alle werden mit Stereotypen konfrontiert, seien es „die Rollstuhlfahrerin“ oder „der Pole“. Diese Vorstellungen lassen sich unmittelbar in Kennlernspielen ansprechen und in einem Filmprojekt oder Theaterstück verarbeiten. Die Kreisau-Initiative mit ihrem Schwerpunkt Inklusionspädagogik möchte methodische Ansätze europaweit zusammenbringen und greift auch aktuelle Probleme auf. Im Kreisauer Modell Europa stellen sich drei neue Projekte vor: Syrische Geflüchtete bieten in Weimar Workshops zum Thema Flucht und Islam für deutsche Fachkräfte an, eine Psychologin berichtet von ihrer Arbeit mit Inlandsflüchtlingen in der Ukraine und eine Gruppe aus Wrocław (Breslau) erzählt von ihrem Projekt mit Angehörigen der Roma-Minderheit.

seit 2005 in Krzyżowa und Berlin
Träger Kreisau-Initiative e.V., Fundacja „Krzyżowa“ dla Porozumienia Europejskiego (Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung) (seit 1990)
Projektförderung EU-Programm Erasmus+, Deutsch-Polnisches Jugendwerk (DPJW) und weitere

 

Infos im Netz
Kreisau-Initiative e.V.: www.kreisau.de
Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung: www.krzyzowa.org.pl
Film zum Projekt Brückenschlag: youtu.be/hCXvyLgq8Nw
Publikation: „Alle anders verschieden“: www.kreisau.de/de/projekte/inklusionspaedagogik/

 

Publikation herausgegeben von:

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Gefördert von:

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