Dez 122016
 

Mit HeimatReise auf familiärer Spurensuche in Polen

Die Idee war genial, die Umsetzung leidenschaftlich: KulturwissenschaftlerInnen unterstützten Menschen bei ihrer familiären Spurensuche in Polen. Die individuelle Begleitung persönlicher Begegnungen war auch eine zeitgemäße Antwort auf die fragwürdige Idee eines deutschen „Zentrums gegen Vertreibungen“.

Deutsche Besucher und polnische Gastgeber erzählen Geschichten und zeigen alte Dokumente über ihr Zuhause. (Foto: Stephan Felsberg)

Deutsche Besucher und polnische Gastgeber erzählen Geschichten und zeigen alte Dokumente über ihr Zuhause. (Foto: Stephan Felsberg)

Die Gründungsidee von HeimatReise ist die individuell begleitete, familiäre Spurensuche in die alte Heimat im heutigen Polen. Studierende der Kulturwissenschaften vermitteln den Spurensuchern die Regionalgeschichte vor und nach 1945. Sie sprechen fließend beide Sprachen, suchen und finden Kontakte vor Ort und helfen den Heimatreisenden bei der Suche ihres alten Hauses oder Elternhauses. Bei HeimatReise steht am Ende einer gelungenen Fahrt die Erkenntnis, dass es eine „gemeinsame Geschichte gibt, die nach 1945 weiter geht. Das Leben in den Gehöften geht weiter, beide Zeitphasen sind für beide Seiten interessant, man tauscht sich darüber aus, die Geschichte wird zusammengesetzt“ sagt Matthias Diefenbach, Leiter der HeimatReise-Agentur.

Anfang der 2000er Jahre brachte die Vertreibungsthematik schlechte Stimmung in die deutsch-polnischen Beziehungen. Einerseits der bevorstehende EU-Beitritt Polens, andererseits die Scharfmacher der Preußischen Treuhand mit ihren Entschädigungsklagen und der Bund der Vertriebenen mit seiner Idee einer in Berlin angesiedelten Ausstellung Zentrums gegen Vertreibungen. „Wir haben uns gefragt: wie können wir mit diesem Vertreibungsthema versöhnlich umgehen“ sagt die damalige Koordinatorin Jacqueline Nießer, eine von mehreren StudentInnen in Frankfurt (Oder), die etwas unternehmen wollten. Zur konkreten Idee führte ein Zufall: Dozent Felix Ackermann begleitete die Familie eines Schulfreundes zur Spurensuche nach Hinterpommern. Gemeinsam mit seinen Kollegen Jan Musekamp und Mateusz Hartwich entdeckte er das Potential der Idee. Sie entwickelten das Seminar „Fremde Nähe“ zur Geschichte der ehemaligen Neumark vor und nach 1945, die Veranstaltungsreihe „Terra Transoderana“ zu Heimat, Vertreibung und Erinnerung und das Projektseminar „HeimatReisen“.

Die StudentInnen werden zu Reiseleitern ausgebildet: sie recherchieren in Archiven und sprechen mit Zeitzeugen. (Foto: Caroline Mekelburg)

Die StudentInnen werden zu Reiseleitern ausgebildet: sie recherchieren in Archiven und sprechen mit Zeitzeugen. (Foto: Caroline Mekelburg)

Das Curriculum für die ReisebegleiterInnen beinhaltete Sprach- und Landeskenntnisse, interkulturelle Kommunikation und Projektmarketing. Denn ihre Aufgaben gingen weit über das historische Wissen hinaus: „Wir sind kaum Geschichtsreiseführer, dafür müssen wir aber um so mehr in den Alltag und die heutige politische, gesellschaftliche Lage Polens einführen und diese erklären“ beschrieb ein Reisebegleiter seine Rolle. Im Mittelpunkt stand die Begegnung zwischen den früheren und heutigen BewohnerInnen. „Der Besondere Ansatz von HeimatReisen war der Versuch, sich der Vertriebenengeschichte über den menschlichen Zugang zu nähern. Individuelle Geschichten sind weniger institutionalisiert, politisch aufgeladen oder ideologisiert“ sagt Jacqueline Nießer.

Auf ihrer Exkursion in die Neumark kommen die Studierenden auch durch das sprichwörtlich gewordene Klein Posemuckel, auf polnisch: Podmokle Małe. (Foto: Caroline Mekelburg)

Auf ihrer Exkursion in die Neumark kommen die Studierenden auch durch das sprichwörtlich gewordene Klein Posemuckel, auf polnisch: Podmokle Małe. (Foto: Caroline Mekelburg)

Mehrere Zeitungsartikel über HeimatReisen, die in Fach- und Regionalzeitungen, aber auch in Spiegel, Bild und Welt erschienen, waren die beste Werbung: „Die Artikel werden ausgerissen und noch nach Jahren kommen die Leute damit an“ sagt Reisebegleiter Matthias Diefenbach. Eine öffentliche Förderung für das wirtschaftlich agierende Projekt gab es nicht. Nur 2006 wurde eine Stelle finanziert, die die Professionalisierung und Ausgründung aus dem Vereinsbetrieb des Instituts für angewandte Geschichte e.V. ermöglichen sollte. „Nachdem wir alles durchgerechnet hatten, wurde damals leider klar, dass sich das Konzept wirtschaftlich schlecht tragen wird. Wir waren aber froh, dass es eine Perspektive für die Idee gibt.“ ist Jacqueline Nießers positive Bilanz. Bei Gründung der Firma 2008 arbeiteten etwa zehn Leute mit, seit 2015 ist HeimatReise ein Angebot selbstständiger ReisebegleiterInnen. Die Methode von HeimatReise hat laut Matthias Diefenbach die Chance auch in anderen Regionen angewandt zu werden: „Überall dort, wo durch Krisen Menschen ihre Heimat verlieren und nach Jahren auf Spurensuche sind.“

von 2004 bis 2008, Lebuser Land, Ermland, Masuren, Schlesien
Gespräch mit Matthias Diefenbach und Jacqueline Nießer
Träger transkultura e.V. / Institut für angewandte Geschichte e.V.
Förderer Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt KOWA (in 2006)
Heute HeimatReise – Reisebegleiter (seit 2008)

 

Infos im Netz
HeimatReise: www.heimatreise.eu
Presseberichte: www.heimatreise.eu/presse
Artikel und Berichte: www.transodra-online.net/de/node/1394,
www.transodra-online.net/de/node/1397, www.transodra-online.net/de/node/1399

 

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