Mai 302017
 

Eine Akademie macht polnische OrtsvorsteherInnen fit für Europa

Bei Studienreisen ins Ausland und Workshops lernten OrtsvorsteherInnen, wie sie zivilgesellschaftliches Engagement von Jungen und Alten in ihren Dörfern fördern können.

Die Akademie bildet DorfvorsteherInnen im ländlichen Polen aus. Sie starten zivilgesellschaftliche Projekte in ihren Dörfern.

Die Akademie bildet DorfvorsteherInnen im ländlichen Polen aus. Sie starten zivilgesellschaftliche Projekte in ihren Dörfern.

Wer sind diese OrtsvorsteherInnen? Vor allem fördert die Europäische Akademie der Ortsvorsteher mit praxisorientierten Weiterbildungen BürgermeisterInnen kleiner Dörfer. In den verantwortlichen Dorf-Teams sitzen oft aber auch die Vorsitzende des Landfrauenvereins, die Bibliothekarin oder der Leiter des Kulturhauses. „Zusammen ist es einfacher, mit neuen Ideen gegen alte Strukturen anzukämpfen“, erzählt Przemysław Fenrych. Die teilnehmenden Dörfer liegen möglichst nah beieinander und arbeiten in sogenannten „Nestern“ zusammen. „Der Begriff ‚Akademie’ ist irreführend. Vor allem wollen wir mit der Akademie einen Ort für Gespräche und Begegnungen schaffen“ – ein Netzwerk, um die DorfvorsteherInnen aus ihrer provinziellen Isolation zu holen und einen Erfahrungsaustausch zu ermöglichen.

Als Polen 2004 der Europäischen Union beitrat, entstand in der polnischen Stiftung für die Entwicklung Lokaler Demokratie (FRDL) die Idee, DorfvorsteherInnen kleiner Gemeinden für die europäische Idee zu begeistern und „fit zu machen für die politische Bühne“, so der stellvertretende Direktor Fenrych. Die Anpassungsleistungen der polnischen Landbevölkerung seit dem Zusammenbruch des Kommunismus waren enorm. Wie in der DDR lösten sich die staatlichen Landwirtschaftsbetriebe (PGRs) auf und brach die sozioökonomische Struktur vieler Dörfer in Westpolen zusammen: Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Abwanderung. Städter, die sich ihr Häuschen im Grünen leisten konnten, integrierten sich nicht in dem Maße wie die alten DorfbewohnerInnen. Das zivilgesellschaftliche Engagement in der Provinz musste gestärkt werden, so der Gründungsgedanke des FRDL-Projektes Europäische Akademie der Ortsvorsteher (EAO).

In Poźrzadło Wielkie organisierte die Bürgermeisterin Festivals und Workshops zur Glasmalerei. Auch die örtliche Bushaltestelle wurde in das Projekt einbezogen.

In Poźrzadło Wielkie organisierte die Bürgermeisterin Festivals und Workshops zur Glasmalerei. Auch die örtliche Bushaltestelle wurde in das Projekt einbezogen.

In einem ersten Schritt bildeten sich die BürgermeisterInnen fort – mit einer Mischung aus Workshops und internetbasierten Kursen. Die Workshops fanden im Abstand von einigen Monaten statt. Planung, Umsetzung und Auswertung von Projekten wurden begleitet. Ein vom Projekt gestellter Berater half vor allem dann, wenn fachliche oder methodische Expertise gefragt war – etwa bei der Satzung für einen neu zu gründenden Verein oder der Organisation einer Geländerallye. Dörfer, die besonders erfolgreiche Aktionen, Kurse, Feste, Werkstätten oder Workshops ins Leben gerufen haben, bilden eigene Kompetenzzentren. Die Teams machten ihren Heimatort so zu einer Art Themendorf. Die Ortsvorsteherin im pommerschen Poźrzadło Wielkie (Groß Spiegel) wurde 2016 zur Ortsvorsteherin des Jahres ernannt. Sie organisierte mit ihrem Dorf Werkstätten und Feste rund um das Thema Glasmalerei. In Biskupów (Bischofswalde) wollte das Team die Liebe zu traditionellen Trachten bei jungen Leuten wecken. Doch die Jugendlichen wollten nicht in alten Trachten über den Dorfplatz tanzen und entwarfen stattdessen neue, an Alltag und Gegenwart angepasste Trachten.

Erfahrungsaustausch zwischen den Dörfern: Die OrtsvorsteherInnen besuchten das von deutsch-polnischen SchülerInnen betriebene Kaffee zum Glück (Eröffnung 2013 in Trebnitz).

Erfahrungsaustausch zwischen den Dörfern: Die OrtsvorsteherInnen besuchten das von deutsch-polnischen SchülerInnen betriebene Kaffee zum Glück (Eröffnung 2013 in Trebnitz).

Studienreisen ins Ausland sind ein wichtiges Weiterbildungs-Werkzeug der Europäischen Akademie der Ortsvorsteher. Partner wie das ostbrandenburgische Bildungs- und Begegnungszentrum Schloß Trebnitz helfen, Kontakte zu deutschen OrtsvorsteherInnen und Initiativen aufzubauen. Dahinter steckt die Überzeugung, dass der Erfahrungsaustausch zwischen Dörfern auch über Ländergrenzen hinweg fruchtbarer sein kann als der Rat von ExpertInnen aus der Stadt. Die Studienreisen finden regelmäßig statt. Welche Ideen haben BrandenburgInnen umgesetzt, um das gesellschaftliche Leben im ländlichen Raum anzuregen?

Das Spektrum der bisher realisierten Projekte ist breit: Von Aktivitäten rund ums (Kunst-)Handwerk – wie Korbflechten und Schmieden – bis zu touristischen Aktionen wie der Entwicklung grenzüberschreitender Nordic-Walking-Routen war vieles dabei. Der Brandenburger Verein Landblüte machte seit 15 Jahren Bildungsarbeit für Kinder und Jugendliche auf dem Land: Sport, Theater, Kräuterwanderungen. Im Schloß Trebnitz besuchten die polnischen DorfvorsteherInnen die 2013 von deutschen und polnischen SchülerInnen gegründete Firma Kaffee zum Glück. Dort trafen sich die Leute aus der Umgebung, SchülerInnen lernten einen Latte Macchiato zuzubereiten, backten Kuchen, servierten und lernten in kleinen Workshops die Sprache des Anderen. Neben GymnasiastInnen und BerufsschülerInnen halfen auch FörderschülerInnen beim Café-Betrieb: eine beispielhafte Idee, die sich überall umsetzen lässt.

Die Zusammenarbeit von Europäischer Akademie der Ortsvorsteher (EAO) und Schloß Trebnitz soll weitergehen. Die dörflichen Projekte in der deutsch-polnischen Grenzregion sind auch Inspiration für ein neues Projekt der EAO in Zusammenarbeit mit ukrainischen AkteurInnen. Im polnisch-ukrainischen Grenzland gründen sie „Schulen ländlichen Unternehmertums“ und entwickeln dort gemeinsame touristische Projekte.

 

seit 2012 in Polen und Trebnitz
Gespräch mit Przemysław Fenrych
Träger Stiftung für die Entwicklung Lokaler Demokratie (FRDL) (seit 1989)
Projektförderung Schweiz-polnisches Kooperationsprogramm, Norway Grants, Fonds des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR)

 

Infos im Netz
Europäische Akademie der Ortsvorsteher: www.frdl.szczecin.pl
EAO in Trebnitz:
www.schloss-trebnitz.de/dorferinitiative-aus-polen-zu-gast-in-der-region
Profil bei Facebook: www.facebook.com/EurAkademiaSoltysa
Kompetenzzentrum in Poźrzadło Wielkie: https://swpozrzadlo.wordpress.com
Schülerfirma Kaffee zum Glück: cafe.schloss-trebnitz.de

 

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