Okt 192016
 

Das Parlament der Stadt Słubfurt

In der utopischen Stadt Słubfurt gibt es seit 2009 das erste binationale Parlament. Seit 2014 sind auch Asylsuchende dabei – aus dem deutsch-polnischen Kunstprojekt wächst derzeit ein internationales Netzwerk.

Die ersten Słubfurter Parlamentswahlen 1999: Kandidaten und Parteien stellen sich vor (Foto: Jonatan Kurzwelly)

Die ersten Słubfurter Parlamentswahlen 1999: Kandidaten und Parteien stellen sich vor (Foto: Jonatan Kurzwelly)

2009 finden die ersten Parlamentswahlen von Słubfurt statt. Jura-Studenten der Europa-Universität Viadrina schreiben das Wahlrecht, Parteien können nur von mindestens zwei Słubern und zwei Furtern gegründet werden, es muss beidseits der Oder ein Wahllokal aufgesucht werden… Letztlich treten sechs Parteien und ein unabhängiger Kandidat an, hunderte Wahlplakate werben in der Doppelstadt und der fließende Übergang von Kunstaktion zu tatsächlicher politischer Teilhabe ist für viele unverständlich und faszinierend zugleich.

Bereits seit 1999 sind Frankfurt (Oder) und Słubice zusammen Słubfurt. „Die Stadt, die zur Hälfte in Polen und Deutschland liegt setzt sich zusammen aus den beiden Stadtteilen Słub und Furt, die rechts und links der Oder liegen“, so beschreibt es Initiator und Ideengeber Michael Kurzwelly. Er gründete Słubfurt als Kunstprojekt, heute ist es eine Melange aus deutsch-polnischem Netzwerk, Solidargemeinschaft und Projektplattform. Ein erstes „Zuhause“ für seine Ideen bekam das Projekt 2013 auf dem Brückenplatz / Plac Mostowy, einer innerstädtischen Brache nahe der Grenzbrücke. Seit 2016 tagt das Słubfurter Parlament nun in einer alten Turnhalle mit Garten – diesmal vielleicht für länger.

Im Herbst 2014 gründen Alt- und Neu-Słubfurter einen Chor (Foto: Uta Kurzwelly)

Im Herbst 2014 gründen Alt- und Neu-Słubfurter einen Chor (Foto: Uta Kurzwelly)

Basis für neue Projektideen ist das Parlament, das unregelmäßig tagt. 2014 entstanden viele Projekte zusammen mit Asylsuchenden. Alt- und Neu-Słubfurter gründeten zunächst einen Chor, daraus entwickelten sich weitere Projekte: das Begegnungs-Café Blabla, ein Fahrradverleih und das Repair-Café, eine Selbsthilfewerkstatt. An einer improvisierten Pinnwand an der Sprossenwand der Turnhalle hängen noch mehr Ideenskizzen: ein Graffiti-Workshop, Matsch-Spielplatz oder Gebetsraum für Muslime und andere Glaubensrichtungen. Mit der Einbindung der neuen BewohnerInnen der Doppelstadt werden die Strukturen im Słubfurter Parlament aber auch komplexer: Die Simultanübersetzung funktioniert bisher gut, nun kommen neue Sprachen dazu, etwa Arabisch und Farsi. So werden die Parlamentssitzungen langwierig und manchmal auch langweilig. Gerade läuft ein Versuch, dass sich kleine Flüstergruppen bilden können, die parallel an eigenen Themen arbeiten.

Repair-Café: In der Selbsthilfewerkstatt reparieren Freiwillige defekte Fahrräder und Möbel (Foto: Michael Kurzwelly)

Repair-Café: In der Selbsthilfewerkstatt reparieren Freiwillige defekte Fahrräder und Möbel (Foto: Michael Kurzwelly)

„Bei großen Festen erreicht Słubfurt die meisten Menschen“ sagt Kurzwelly. Es sei aber nach wie vor schwierig, Leute zu finden, die Verantwortung für Projekte übernehmen. Oft passiert es dem charismatischen Künstler, dass die Leute erwarten er, Kurzwelly, würde ihre Projektideen für sie umsetzen, dabei soll nicht der Eindruck entstehen, dass Słubfurt eine Monarchie ist. Doch prägt Kurzwelly die Arbeit des Vereins seit 17 Jahren. Seine Bekanntheit und Ausdauer führt auch zu dem Vertrauen, das Förderer dem Projekt entgegenbringen. Adam Poholski, Selbstständiger und heute Vorsitzender des Vereins, arbeitet an Kurzwellys Seite und soll in Zukunft mehr Aufgaben übernehmen. Neue Unterstützer findet Michael Kurzwelly auch unter den StudentInnen in seinen Seminaren an der Europa-Universität Viadrina.

Brueckenplatz / Plac Mostowy 2.0

Brückenplatz / Plac Mostowy 2.0

Der neue Brückenplatz / Plac Mostowy 2.0 in der Turnhalle mit Café, Blumenbeeten und Volleyballplatz soll weiter ausgebaut werden. Doch der Winter naht und die Fernwärme ist aus Kostengründen abgeklemmt. Da der Verein von Seiten der Stadt Frankfurt (Oder) verpflichtet ist die Räume instand zu halten und im Winter vor Feuchtigkeit zu schützen, werden von den Projektgeldern zwei Ölradiatoren gekauft und die Arbeit im Winter heruntergefahren. Der nächste wichtige Schritt für die Initiative ist „auf den neuen Ort aufmerksam zu machen“, so Kurzwelly, damit es im nächsten Sommer weitergeht mit Open Air Kino, Begegnungscafé, Boule und Beach-Volleyball, Konzerten und Workshops.

von 2009 bis 2016 in Frankfurt (Oder) und Słubice
Gespräch mit Michael Kurzwelly
Träger Słubfurt e.V. (1999)
Projektförderung Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur (MFWK) Brandenburg, Stadt Frankfurt (Oder), Fonds Soziokultur, EU-INTERREG und andere.

 

Infos im Netz
Słubfurt:  www.slubfurt.net, www.parlament.slubfurt.net, www.radio.slubfurt.net
Seit 2010 ist Słubfurt die Hauptstadt von Nowa Amerika: www.nowa-amerika.eu
Ethnologische Studie über Słubfurt: euroethno.hu-berlin.de/archiv/studienprojekte/other_europes
Brückenplatz / Plac Mostowy 2.0:
www.facebook.com/brueckenplacmostowy

 

Publikation herausgegeben von:

logo_grau_k75-eu-zentrum_gross logo-instytut-cmyk

 

Gefördert von:

logo_erasmus_plus

Print Friendly